Regionenbezogene Identifikationsprozesse in Sachsen und in der Bretagne,
Vortrag von Steffen Sammler während seiner Aufenthalt am 19.- 20. November 1999 in Rennes

veröffentlicht im ZHS/SFB-Info Nr.4/99

Eine französische Forschergruppe des Centre de Recherche Historique sur les Sociétés et Cultures de l’Ouest Européen (CRHISSCO) an der Universität Rennes lud  Mitglieder des SFB 417 für den 19.und 20. November zu einer gemeinsamen Diskussion über die Erforschung von Identifikationsprozessen in den beiden Regionen ein. Der finanziellen Unterstützung durch das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ist es zu danken, dass eine große Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des SFB an der Arbeitstagung in Rennes teilnehmen konnte. Die Teilnehmer hatten die Möglichkeit unter sachkundiger Führung durch Michel Lagree einen Blick in die Arbeitsvorhaben des CRISCO zu werfen, zu denen u.a. ein Historischer Atlas der Bretagne zählt. Sie lernten die jeweiligen Strategien der Forschungszentren kennen, die von Gilbert Nicolas für die Bretagne und Heinz-Werner Wollersheim für Sachsen in einführenden Referaten vorgestellt wurden.

Die Präsentation von Fallstudien eröffneten Roger Dupuy und Steffen Sammler mit Beiträgen zum Übergang des territorialen Ständestaates des Ancien Régime in die Moderne, die ein regionales Bewußtsein der jeweiligen Bewohner herausbildete. Dupuy brachte den Prozess auf die griffige Formulierung: „Von der Bretagne der Stände zur Erfindung des bretonischen Volkes.“ Letzterem widmete sich Cathrin Friedrich, die in einer vergleichenden Perspektive der Konstruktion von regionaler Identität in der jeweiligen Historiographie nachspürte. Sie legte den Grundstein für eine intensive Debatte über das Verhältnis von geschichtlicher Entwicklung und ihrer nachträglichen (Re)Konstruktion in der Geschichtsschreibung. Die Herausforderung der gesellschaftlichen Modernisierung, des 19. und 20. Jahrhunderts, vor die die regionalen wirtschaftlichen Eliten gestellt waren, nahmen Gérard Le Bouedec, Jacqueline Sainclivier und Thomas Keiderling zum Anlass, unterschiedlichen Lösungen und zeitlichen Phasenverschiebungen in beiden Regionen nachzuspüren. Michel Denis, Michel Nicolas und Wolfgang Fach stellten Strategien politischer Akteure vor, die darauf abzielen, regionale Identifikationsprozesse zu initiieren und zu festigen. Die Modifikationen traditioneller Kultur- und Konsumgewohnheiten im Modernisierungsprozess standen im Mittelpunkt der Vorträge von Yves Defrance, Daniel Le Couédic, Eva Göbel und Hannes Siegrist. Dabei wurde deutlich, dass die Rückbesinnung auf die Tradition und ihre Verknüpfung mit Elementen der Moderne zu innovativen Ergebnissen auf den Feldern von Architektur, Musik und Festkultur führen kann. Das Verhältnis von Bildung und regionaler Identifikation stand im Mittelpunkt einer ausführlichen Diskussion, die durch Referate von Gilbert Nicolas, Wolfgang Hörner, Hans-Martin Moderow und Heinz-Werner Wollersheim angeregt wurde. Dabei vollzog die deutsche Konsulin in Loirient den Brückenschlag in die Praxis des sächsisch-bretonischen Austauschs auf dem Bildungssektor.

Die Abschlussdiskussion, die von Matthias Middell moderiert wurde, widmete sich den Chancen und Problemen einer vergleichenden Betrachtung regionaler Identifikationsprozesse. Gerhard Brunn, der sich aus Siegener Perspektive an der Debatte beteiligte, wies auf die Notwendigkeit hin, die Herausbildung regionalen Bewußtseins quer zu administrativen Grenzen zu verfolgen. In diesem Zusammenhang verwies Michel Nicolas auf die Perspektiven kultureller und wirtschaftlicher Entwicklung über die Grenzen des Nationalstaates hinaus am Beispiel des atlantischen Bogens .
Alain Coulon, verwandelte die Last des Übersetzers zuweilen in die Freude des Kommentators, der aus der Sicht des Philosophen einiges zur Diskussion beizutragen wußte.
Den bretonischen Gastgebern sei nicht zuletzt dafür gedankt, dass sie ihre Gäste aus Sachsen mit der Brisanz des Themas in der politischen Kultur und im Alltag durch die Diskussion mit lokalen und regionalen Politikern vertraut gemacht und in die kulinarischen und musikalischen Besonderheiten ihrer Region eingeführt haben. Die Tagung bot vielfältige Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte, die die zukünftige Arbeit des SFB 417 aus einer vergleichenden Perspektive bereichern werden.

Erfahren Sie mehr über den Sonderforschungsbereich der Universität Leipzig zum Thema "Regionenbezogene Identifikationsprozesse" unter:http://www.uni-leipzig.de/~sfb417/Programm.html