Alle Dinge haben ihre Zeit, auch die guten.
Toutes choses ont leur saison, les bonnes & tout

Michel de Montaigne (1533-1592), Essais II, 28

Dresden, im Oktober 2019

Liebe Freundinnen und Freunde der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft und der Bretagne,

liebe deutsch-französische Weggefährten,

Unsere Vereinsmitglieder wissen es bereits, denn auf unserer Mitliederversammlung vom Juli 2019 wurde es ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung beschlossen: Die Sächsisch-Bretonische Gesellschaft (SBG) wird mit Wirkung vom 31. Dezember 2019 aufgelöst. Die notwendigen vereinsrechtlichen Maßnahmen sind vollzogen worden. Ab Januar wird die SBG als gemeinnütziger Verein in die Phase der „Liquidation“ eintreten, die vorausschlich bis zum 30. Juni 2020 andauen wird. Die Gründe für diesen bedauerlichen Schritt haben sich seit langem angedeutet.

Raison d’être unseres Vereins war die am 30. November 1995 von Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Regionalratspräsident Yvon Bourges unterzeichnete  Gemeinsame Erklärung über Zusammenarbeit zwischen dem Freistaat Sachsen und der Region Bretagne. Nach dem Muster anderer deutsch-französischer Regionalpartnerschaften, im Vertrauen auf offizielle Erklärungen und in Erinnerung an das reichhaltige französische Erbe in Sachsens Geschichte und Kultur sahen wir in diesem Abkommen eine verheißungsvolle Opportunität, den Freistaat Sachsen in die mit dem Élysée-Vertrag und anderen Verträgen besiegelte deutsch-französische Sonderbeziehung regionalräumlich einzubeziehen, und – wie es in der Gemeinsamen Erklärung heißt – „Bürgerinnen und Bürger aus beiden Regionen einander näherzubringen“.

In diesem Sinne haben wir unseren 2004 gegründeten Verein 2006 dann auch neu aufgestellt. Damals übernahm ich, seinerzeit noch an der TU Dresden Inhaber einer Professur für Frankreichstudien, deutsch-französische Beziehungen und französischsprachige Welt, die Präsidentschaft und schließlich auch noch die Geschäftsführung der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft. Es war unser Anliegen, Bürgerinnen und Bürgern in Sachsen unsere französische Partnerregion Bretagne nahezubringen – die Bretagne als sprachlich-kulturelle Besonderheit wie das Land Sachsen (dort das keltische Erbe, hier die sorbische Minderheit), aber auch als ein besonderes Stück Frankreich und Europa, dies nicht zuletzt auch immer unter der Perspektive deutsch-französischer Beziehungen, europäischer Integration sowie kultureller und regionaler Vielfalt in Europa. Dieses Anliegen hat unser Verein aus eigener ehrenamtlicher Kraft in die Tat umgesetzt. Siehe:

www.sachsen-bretagne.com/images/Dokumente_PDF/1.REGIONENPARTNERREGIONENSACHSEN-BRETAGNE.pdf

An Öffentlichkeitswirksamkeit hat es uns dank unseres Internetauftritts, dank unserer Ausstellungen, Konferenzen, Vorträge, Netzwerkarbeit, Publikationen, Medienprodukte, Jahreskalender und vieler anderer Initiativen in ganz Sachsen nicht gefehlt. Allein unsere internen, inhaltsreichen Rundbriefe – manches Mal an die hundert im Jahr – erreichten zum Schluss mehr als 700 Verteiler in Deutschland und in der Bretagne. Auch in der Bretagne zeigten wir vor Ort immer wieder Flagge; dabei erhielten wir von bretonischer Seite großzügige Unterstützung, zumal unser bretonischer Partnerverein dank offizieller Förderung durch den Regionalrat der Bretagne sehr aktiv sein konnte. Ein besonderer Höhepunkt war 2009 unsere tatkräftige Teilnahme an den von unseren bretonischen Freunden organsierten Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls in der Bretagne. Mit eigenen Ausstellungen (über Dresden), Auftritten, Vorträgen und anderen Beiträgen vertrat unsere Delegation mehre Tage lang in Rennes die Partnerregion Sachsen.

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Doch zugleich zeigte die Sächsische Staatsregierung immer weniger Interesse an einer sichtbaren Gestaltung der von ihr selbst einst initiierten Regionalpartnerschaft mit der Bretagne. Osteuropäischen Nachbarregionen wurde erste Priorität eingeräumt; andere Partnerschaften in China oder im arabischen Raum wurden als verheißungsvoller gehandelt. Unsere Teilnahme an den zitierten Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls wurde aus bretonischen Finanztöpfen unterstützt, die Sächsische Staatskanzlei sah sich nicht zuständig. Als wir im November 2015 im Festsaal des Dresdner Stadtmuseums das zwanzigste Jubiläum des Abkommens feierten – zusammen mit dem fünfundzwanzigsten Jubiläum der Städtepartnerschaft Dresden-Straßburg, konnte nicht nur kein Vertreter der Sächsischen Staatskanzlei zugegen sein, auch verschwand zeitgleich die Bretagne aus dem Internetauftritt der Sächsischen Staatskanzlei. Noch einen Monat zuvor hatten wir in der Französischen Botschaft in Berlin für unser Medienpaket „La Bretagne. Tour d’horizon d’une région partenaire“ den Ersten Preis des Prix Joseph Rovan 2015 de l’Ambassadeur de France en Allemagne erhalten.

Wir unternahmen etliche Anstrengungen, diese Absenz rückgängig zu machen und die hier in Sachsen politisch Verantwortlichen und Handelnden vom politischen, kulturellen und europäischen Wert einer deutsch-französischen Regionalpartnerschaft zu überzeugen. Selbst die hiesige BILD-Zeitung nahm sich unseres Anliegens an. Wir ernteten leere Versprechungen, dann wieder Gleichgültigkeit. Nicht einmal eine Geste der Anerkennung erreichte uns. Stattdessen lasen wir im europäischen Magazin „ParisBerlin“ (Nr. 105, S. 92), dass der damals für Regionalpartnerschaften zuständige Referent in der Sächsischen Staatskanzlei den Redakteuren nicht erklären konnte, warum die Bretagne als Partner Sachsens einst gewählt worden sei. Inzwischen hatte sich mit Verweis auf offizielles sächsisches Desinteresse auch der Regionalrat der Bretagne dieser Partnerschaft klammheimlich entzogen und mit selbiger Begründung löste sich auch unser Partnerverein in der Bretagne auf.

Somit wurde es einsam um unsere Sächsisch-Bretonische Gesellschaft. Als ich dann in diesem Jahr meine Ämter definitiv zur Verfügung stellen wollte – mit Verweis auf mein Alter und meine langen „Dienstjahre“, aber auch mit Verweis auf meine durch keinen Idealismus mehr zu kompensierende Frustration über das regierungsamtliche Desinteresse an deutsch-französischen Beziehungen, da gab es nicht nur keine Nachfolgeaspirationen, sondern auch der Vorstand und die Mitgliederversammlung sahen keine Hoffnung mehr auf eine Wiederbelebung des sächsisch-bretonischen Abkommens von 1995.

Eine kleine private Bürgervereinigung mit 70 Mitgliedern (aus ganz Deutschland!) kann nicht die Nebenaußenpolitik eines Bundeslandes in die Hand nehmen. Damit war die Liquidation unseres Vereins beschlossene Sache. Das hoffnungsvolle Experiment einer deutsch-französischen Regionalschiene in der Nebenaußenpolitik des Freistaates Sachsen mit einer der schönsten und interessantesten Regionen Frankreichs, der Bretagne, ist damit Geschichte.

Bis Ende des Jahres laufen unsere Vereinsaktivitäten im Modus der Abwicklung. Dazu gehört auch unser Versprechen, einen letzten Bretagne-Kalender zu machen. Auf Wunsch vieler Interessenten wird unser Kalender Bretagne 2020 eine neue Serie kolorierter Linolschnitte des Berliner Künstlers Hans von Döhren enthalten. Auch werde ich noch den einen oder anderen Rundbrief schreiben wollen. Ich selbst werde nun wieder mehr Zeit für meine angestammten deutsch-französischen und deutsch-kanadischen Engagements haben, wobei auch neue Länder und Kulturen in meinen Erdenkreis getreten sind. Vom umständlichen Medium der bisherigen Newsletter werde ich mich dann aber verabschieden und auf andere Kommunikationswege zurückgreifen. Vielleicht ein Blog? On verra.

Als Jahrgang 1947 war ich mit Grenzen in Deutschland und in Europa aufgewachsen und jede Grenze, die fiel, habe ich als neue Bewegungsfreiheit erlebt. Erst mit dieser Bewegungsfreiheit in Raum und Zeit habe ich ein Gefühl für Heimat und einen Sinn für das Universelle im Regionalen erspüren können. Dabei war es meine Begegnung mit Frankreich und seinen Menschen, die mir am frühesten halfen, mich als Angehöriger meines Landes neu zu finden und ein europäisch gestimmter Deutscher aus dem Norden zu werden. Der für mich schönste und folgenreichste Grenzfall war schließlich der Fall der Berliner Mauer und damit der Weg in die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas. Mein Weg nach Dresden war nicht nur ein Zurück in die Heimat meiner Familie mütterlicherseits, sondern auch vorwärts in eine europäische Zukunft, an der ich aktiv teilhaben wollte, zumal ich zuvor in einer außenpolitischen „Denkfabrik“ in Bonn tätig gewesen war und noch heute einem Pariser außenpolitischem Institut angehöre. Neben anderen, beruflichen Aufgaben sah ich in der regierungsamtlich initiierten, aber öffentlich wenig beachteten sächsisch-bretonischen Partnerschaft eine experimentelle Nischenherausforderung, wo im regionalen Fokus deutsch-französische und damit europäische Saat bürgernah und weltoffen im Kleinen ausgebracht werden konnte. Ich überlasse es anderen, über die Ergebnisse unserer Arbeit seit 2006 zu urteilen. Ich selbst hatte Freude daran, fünfzehn Jahre lang, bis die Frustration größer wurde als die Freude. Alle Dinge haben ihre Zeit, auch die guten.

Auf Wiedersehen – Au revoir – Kenavo – Božemje !

Ihr

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Ingo Kolboom

Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V. (2006 bis Ende 2019)

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www.sachsen-bretagne.com

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2012 auf „Werbetour“ in der Bretagne