Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Die Bretagne, Frankreichs größte Halbinsel, weist neben aufregenden Sehenswürdigkeiten einige Besonderheiten auf, die an ihre sehr eigene Geschichte erinnern. Der Fremde, der das erste Mal jenen herrlichen westfranzösischen Landstrich bereist, wundert sich zunächst einmal über die zweisprachigen Schilder und fragt sich, wieso denn unter dem Ortsnamen Morlaix „Montroulez“ steht und unter Concarneau „Konk Kerne“ und warum der Wegweiser zum Tourismusbüro sowohl nach „office de tourisme“, als auch nach „Ti an Douristed“ weist. Das lässt sich schnell aufklären, denn tatsächlich gehört die Bretagne zu den Gebieten in Westeuropa, wo sich neben der heutigen Amtssprache – das ist natürlich französisch – noch eine ältere Sprache keltischen Ursprungs findet. Das ist eigentlich nicht allzu ungewöhnlich, findet man doch in verwandten keltischen Gegenden ähnliches: wer in Dublin landet, muss erst einmal verkraften, dass am Flughafen ATHA CLIATH steht – denn so ist der einheimische Name der irischen Hauptstadt – und wenn man auf der Landstraße, von England kommend, Wales erreicht, wird man mit der Aufschrift „Croeso i Gymru“ begrüßt: Willkommen in Wales.

Brezhoneg“, Bretonisch, so nennen die Bewohner ihre durchaus altertümlich erhaltene Sprache, die zu den keltischen Sprachen gehört und besonders eng mit dem ansonsten in Wales (Großbritannien) gesprochenen Kymrischen verwandt ist und „Breizh“ ist die Bezeichnung für ihre Heimat Bretagne. Bis ins 16. Jahrhundert hinein verlief die Geschichte der Bretagne außerdem auch weitgehend unabhängig von der Frankreichs, dem der Landstrich erst durch Heiratspolitik zugefügt wurde (vgl. den Kaleidoskop-Artikel zu Herzogin Anne de Bretagne). So waren – und sind! – die Bretonen eigener Sprache, eigenem Geschichtsverständnis sowie eigenen Sitten und Traditionen verhaftet und sehen vieles noch bis heute „etwas anders“ als die französische Bevölkerung in anderen Teilen der „Grande Nation“.

Natürlich kam es nicht von ungefähr, dass sich hier, im Westen Frankreichs, diese keltische Sprache ausbreitete und erhielt. Ursprünglich war der französische Raum bis hin in die heutigen BeNeLux-Staaten keltisch – oder auch gälisch – besiedelt, ebenso wie die Inseln Britannien und Irland seit Jahrhunderten schon vor der Zeitwende. Als das Römische Reich in den „Gallischen Kriegen“ den größten Teil gälisch besiedelten Landes besetzte und zu römischen Kolonien machte, dann sogar nach Britannien vordrang und zwei Drittel des Territoriums und der keltischen Stämme unterwarf, da begann eine neue Ära sprachlicher Entwicklung. Diese vollzog sich im Zeichen der lateinischen Amtssprache und vor dem Hintergrund, dass man in den Kolonien schon bald das Leben in Rom nachzuahmen begann und vor allem die Oberschicht der unterworfenen Gebiete sich um Anpassung an Rom bemühte, um Anteil an der Herrschaft zu erlangen. Da im Gegensatz zur hochentwickelten antiken griechischen Kultur, die ihre Dominanz auch unter römischen Verhältnisse im östlichen Mittelmeer behaupten konnte, die keltischen Völker zur damaligen Zeit (noch) nicht über eine hochentwickelte Schriftkultur verfügten, ging die „Romanisierung“ hier recht schnell. Im Wesentlichen kam es bei den Völkern in den besetzten keltischen Provinzen zu einer sprachlichen und kulturellen Anpassung, wobei oft ältere eigene Sprach- und Kulturformen umgestaltet oder ganz aufgegeben wurden. Begünstigt durch stark zunehmende Verstädterung Westeuropas in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende, setzte sich das „Römische“ relativ schnell durch – zumal die Städte oft eine Nachahmung Roms im Kleinen darstellten. Die kolonialisierten Völker wurden durch Tempel, Theater und Arenen beeinflusst und glichen ihren Lebensstil dem der römischen Kultur an. Obwohl sich abseits der Städte vorrömische Traditionen und Sprachzustände meist länger hielten, waren am Ende der Römerherrschaft die meisten Keltenvölker romanisiert – auch die Gallier Frankreichs und Belgiens. Ihre jetzt benutzten Sprachen und Dialekte waren durch die Latinisierung zu „romanischen“ Sprachen und Dialekten geworden.

Lediglich an den Randgebieten des römischen Imperiums hatten sich keltische Sprachen erhalten. Als nach dem Abzug der Römer aus Britannien im 5. Jahrhundert n.Chr. – die bisherigen Besatzungs- und Garnisonstruppen wurden zur Verteidigung des Weströmischen Reiches in der Völkerwanderung gebraucht – die Kelten unterander um die Vorherrschaft zu kämpfen begannen, nutzten die völkerwandernden Germanenstämme der Angeln, Warnen, Jüten und Sachsen das entstandene Machtvakuum aus und begannen, Großbritannien zu besiedeln.

Als „Barbaren“ bezeichnet – nicht zuletzt, da sie im Gegensatz zu den Kelten das Christentum noch nicht angenommen hatten – , drangen sie immer weiter ins Keltenland vor. Nur kurz gelang es, sie zu stoppen – und der Fürst, dem man dies zuschrieb, genießt bis heute in allen keltischen Gebieten legendäre Verehrung: König Artus (oder „Arthur“). Die keltischen Stämme, zumeist weiterhin uneins, konnten dem germanischen Druck nicht standhalten und wurden in die westlichen und nördlichen Zipfel der Insel Großbritanniens zurückgedrängt. Hier wurde der Siedlungsraum immer kleiner, so dass vor allem von den Halbinseln Wales und Cornwall aus eine keltische Auswanderung begann, die in Abständen fast zweihundert Jahre andauerte. Ziel war auf dem Kontinent die wilde und damals noch wenig besiedelte Halbinsel „Aremorica“, das „Land am Meer“, das dadurch besiedelt wurde. Die bereits christianisierten Kelten schlossen sich zu einem Königreich zusammen, das erst 799 durch Frankenkönig Karl den Großen unterworfen wurde. Die Siedler hatten ihre keltische Sprache wieder mitgebracht – in jenes Gebiet, das nach Caesars Eroberung romanisiert worden war und in dem nun die „Gallo-Romanen“ Altfranzösisch sprachen.

Aufgrund der bis ins 16. Jahrhundert vorhandenen Autonomie der keltisch besiedelten Bretagne gegenüber Frankreich – denn auch nach dem fränkischen Intermezzo hatten sich das Königreich und später das Herzogtum Bretagne wieder unabhängig gemacht – hat sich die bretonische Sprache erhalten können – trotz ihres dramatischen Rückgangs auf Grund einer insbesondere von der Dritten Republik (1870-1940) betriebenen amtlichen Sprachpolitik zu Gunsten des Französischen. Die Mehrzahl derer, die heute noch „richtiges“ Bretonisch verstehen und sprechen, lebt in der geografischen Mitte der Bretagne, zwischen der „Rosa Granitküste“ im Norden und dem Hügelland der „Landes de Lanvaux“ im Süden.

Obwohl die Minderheiten-Sprache, eine der altertümlichsten des europäischen Kontinents, lange im Rückgang begriffen war, gibt es heute wieder mehr Möglichkeiten, die klangvolle uralte Keltensprache zu erlernen. Unter dem Eindruck, dass die Zahl der Sprecher immer mehr abnehmen und die Sprache eines Tages ganz aussterben könnte, hat der Regionalrat der Bretagne 2004 ein Förderprogramm beschlossen. Trotz begrenzter finanzieller Mittel gibt es jetzt die Möglichkeit für Schüler, die Sprache unter „Muttersprachenbedingungen“ zu erlernen und an den Universitäten Brest und Rennes wurden Lehrstühle für keltische Sprachen und speziell das Bretonische eingerichtet.

Der Pflege altbretonischer Sprache und Kultur hat sich auch der „Goursez Breizh“ verschrieben, dieBardenvereinigung aus der Bretagne . Sie versteht sich als in der früher weithin bekannten Tradition der altkeltischen Barden stehend, jener Dichter und Sänger des alten keltischen Kulturkreises, die mit Minstreln, Troubadouren und Minnesängern vergleichbar sind. Die heutige bretonische Vereinigung steht mit ihren Zielen, keltische Literatur, Kunst, Musik und die bretonische Sprache zu fördern und zu pflegen, eng in Kontakt mit dem Gorsedd of Bards aus Wales und dem Gorsedh Kernow aus Cornwall – jenen Sprachtraditionen, mit denen das Bretonische am engsten verwandt ist.

 

langue bretonnebreton allemand