Bretonisches Kaleidoskop

Für diese neue Rubrik Bretonisches Kaleidoskop verfasst unser Dresdner Mitglied Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter bei Eberhardt Travel GmbH, in unregelmäßigen Abständen kurze Texte über von ihm ausgewählte bretonische Sehenswürdigkeiten oder Themen. Redaktion Ingo Kolboom.

 

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Den Einbruch der Hunnen nach Europa und den Zerfall Westroms nach der Reichsteilung des Römischen Reiches Ende des 4. Jh. n.Chr. einerseits und die Migrationsbewegung vor allem germanischer Volksstämme in und nach Mittel-, West- und Südeuropa andererseits bezeichnet man als für die mittelalterliche Geschichte unseres Kontinents entscheidende sogenannte Völkerwanderung. An anderer Stelle (http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/314-gruendung-und-aufstieg-der-bretagne-i ) war schon geklärt worden, wie bereits christianisierte Siedler keltischer Herkunft aus Wales und Cornwall sowie angrenzenden Gebieten, etwa dem heutigen Devon, die Region besiedelten, die man heute „Bretagne“ nennt, wie sie also die Küstengebiete Westfrankreichs, insbesondere die weit in den Atlantik ragenden Halbinseln, die Regionen um Ärmelkanal und das Land „Aremorica“ während der Zeit der Völkerwanderung in Besitz nahmen. Wie überall in Europa bildeten sich auch im frisch besiedelten Bretonen-Gebiet feudale Fürstentümer und Gefolgschafts-Systeme heraus. Vgl. auch http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/themenblaetter-zur-bretagne/316-themenblatt-bretonische-geschichte

Die etwa 600 n.Chr. zu einem unabhängigen Königreich vereinigten bretonischen Teilstaaten wurden kurz vor 800 n.Chr. kurzzeitig von Karl dem Großen unterworfen, als der Großstamm der Franken, zeitweise als eine Art Mischvolk aus westgermanischen und gallorömischen Völkern agierend, die politische Nachfolge des Weströmischen Reiches in Zentraleuropa antrat. Nach raschem Ende der fränkischen Herrschaft folgte eine kurze Blütezeit, die bis heute mit dem Namen des erst von der Nachwelt zum ersten bretonischen König ernannten Nominoë (bret. Nevenoe, ca. 800-851) verbunden bleibt, bis die Bretonen Anfang des 11. Jh. von den Wikingern überrannt wurden, die ihr vom westfränkischen König in der Normandie zugestandenes Gebiet erheblich erweiterten und die Bretagne de facto besetzten. Viele führende bretonische Adeligen flohen über den Ärmelkanal und suchten ausgerechnet in den angelsächsischen Königreichen Zuflucht, die sich während und nach der Völkerwanderung aus den eroberten Keltengebieten und nach Arrangement mit den verbliebenen Keltenstämmen gebildet hatten.

Doch schon wenige Jahrzehnte darauf – 939 n.Chr. – kehrte der in Wessex bzw. im neu entstandenen Königreich England im Exil lebende bretonische Fürst Alain Schiefbart (lat. Alanus Barbatorta, von den Franzosen Alain Barbe-Torte und von den Bretonen Alan Varvek genannt, 910-952) in seine Heimat zurück. Der Angehörige des Herrscherhauses Nantes-Cornouaille agierte mit der Unterstützung des angelsächsischen Königs – ausgerechnet dem Herrscher des Volkes, dem die Bretonen den Impuls zur Umsiedelung fünfhundert Jahre zuvor anlasteten – und gewann in sehr kurzer Zeit die Bretagne zurück. Er konnte die Normannen zumindest aus einem Teil des bretonischen Gebietes – z.B. aus Nantes – vertreiben und wurde zum Herzog der Bretagne mit Unterstützung Englands. Seine Machtergreifung und die Vergrößerung des zugehörigen Territoriums auf etwa die Größe der heutigen Region Bretagne sowie die gewonnene Unabhängigkeit von Normannen und Franzosen machten ihn zum Begründer des hochmittelalterlichen Herzogtums Bretagne.

Doch schon kurz darauf schuf ein Adeliger aus dem mit dem Haus Nantes-Cournouaille rivalisierenden Geschlecht der Grafen von Rennes um 990 n.Chr. vollendete Tatsachen, beseitigte die Rivalen und installierte die Herrschaft seines eigenen Hauses bis etwa zur normannischen Eroberung Englands. Etwa um diese Zeit – berühmt ist das Jahr der Entscheidungsschlacht im südenglischen Hastings 1066 – vereinigten sich durch Heirat der Nachkommen die wichtigsten bretonischen Adels-Geschlechter von Nantes-Cornouaille und Rennes. Sie wurden zu den Beherrschern der Bretagne und sicherten deren Autonomie und weitgehend ihre Unabhängigkeit, indem sie einerseits Bündnisse mit dem normannisch dominierten England schlossen, sich andererseits durch Lehnseid den französischen Herrschern aus dem Haus der Kapetinger als Partner präsentierten.

Das wiederum machte die in Personalunion über England, die Normandie und Teile Frankreichs herrschenden englischen Könige aufmerksam, die ja auch ihre Interessen im Festlandteil ihrer Besitzungen wahren wollten. Vorwände fürs Eingreifen gab es genug, denn Familienstreitigkeiten in der herrschenden bretonischen Dynastie – Enterbungen unehelicher Kinder und Einsetzungen kleiner Kinder als Herrscher, die dann durch einflussreiche Familienmitglieder außerhalb der Thronfolge durch Regenden vertreten werden mussten – bereiteten den Boden vor für ein Eingreifen der englisch-französischen Herrscher in die Regierung des Landes, das zwischen ihnen und dem starken rein französischen Königreich lag.

In dieser Zeit kam es in England mit dem Tod des Normannenkönigs Heinrich I. (1135) zu einem Dynastienwechsel, denn Heinrichs einziger ehelicher Sohn William Aetheling hatte schon 1120 einen tödlichen Unfall erlitten. Infolgedessen übernahm – nicht ohne Intrigen und schnelle Reaktion – Stephan von Blois, der zwar nicht in direkter Thronfolge stand, aber seine Anrechte von seiner Abstammung von Wilhelm dem Eroberer ableitete, die Macht im Königreich. Das löste in England einen Bürgerkrieg aus, der von 1135 bis 1154 andauerte. Stephan von Blois besetzte London und kämpfte gegen die Ansprüche der Tochter Heinrichs I., Konstanze, die Gottfried aus dem französischen Grafengeschlecht der Anjou geheiratet hatte und sehr von Frankreich aus unterstützt wurde. Gottfrieds Geschlechtername „Plantagenet“ stammt übrigens, anders als bei vielen nach ihrer Stammburg oder ihren Erblanden benannten Adeligen, von seiner Helmzier, einer Ginsterpflanze (lat. Planta genista woraus Plantagenet entstand).

Nach langen Kämpfen und dem Tod seines eigenen Sohnes schloss Stephan von Blois einen Friedensvertrag mit der rivalisierenden Königin und ihrem Gatten Gottfried I. Plantagenet und adoptierte deren Sohn, der als Heinrich II. als erster Herrscher der neuentstandenen Dynastie Plantagenet die Macht in England übernahm und dank seiner Heirat mit Eleonore von Aquitanien auch das westliche Frankreich beherrschte.

In der Bretagne schwelte in derselben Zeit ebenfalls ein Thronstreit, auch weil der dortige Herrscher Conan III., Herzog von Bretagne und Graf von Nantes, seinen Sohn in der Erbfolge überging und seinen Enkel einsetzte. Dieser übernahm 1155 als Conan IV. die bretonische Herzogwürde, konnte seine Macht in der Bretagne aber nur mit englischer Waffenhilfe halten. Das gab Heinrich II., dem neuen König von England, extremen Einfluss im Nachbarland. Er zwang den anfangs unterstützten bretonischen Herzog schließlich zur Abdankung und setzte seinen eigenen Sohn Gottfried II. als Nachfolger ein, den er mit Conans Tochter, Prinzessin Konstanze, verheiratete.

Mit diesem neuen Herzog der Bretagne aus dem Hause Plantagenet begann ein neues Kapitel in der bretonischen Geschichte, das nach einer erfolglosen Revolte Gottfrieds gegen seinen Vater sein vorläufiges Ende darin fand, dass Gottfried sich an den Hof des mit ihm befreundeten französischen Königs Philipp II. begab, der ihn seinerseits mit dem Amt eines Seneschalls von Frankreich beehrte. Über die Frage der Vormundschaft über ihre Kinder geriet Gottfrieds Witwe Konstanze mit ihrem Schwager, dem englischen König Richard Löwenherz, in Streit, in dessen Verlauf sie ihre Kinder dem französischen König Philipp II. überantwortete, der fortan als Garant für die Unabhängigkeit der Bretagne gegenüber den Plantagenets auftrat, zumal es ihm gelang, den Plantagenets den größten Teil ihrer Territorien auf französischem Boden zu entreißen und die französische Krone damit mächtiger zu machen als jeder ihrer Vasallen in Frankreich. Doch damit aber hatte die wechselvolle Konflikt- und Bündnislage der Bretagne als unabhängiges Herzogtum zwischen der französischen und englischen Krone noch lange kein Ende gefunden. (Fortsetzung folgt)

 

Abb.: Ungefähre Grenzen des bretonischen Herzogtums- bzw. Königreichs 845 - 867.
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bretagne#mediaviewer/File:Carte_royaume_Bretagne_de.svg //

http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/themenblaetter-zur-bretagne/316-themenblatt-bretonische-geschichte

 

Abb.: Die Lehen der englischen Könige (rot) in Frankreich auf dem Höhepunkt ihrer territorialen Ausbreitung (um 1173).
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AFrankreich_1154-DE.svgm //

http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/themenblaetter-zur-bretagne/316-themenblatt-bretonische-geschichte

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Dass die Bretonen und ihr Land unter die „keltischen Nationen“, von denen es derzeit sechs gibt, gezählt werden, hatten wir schon an anderer Stelle geklärt (vgl. http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/314-gruendung-und-aufstieg-der-bretagne-i ). Ein verbindendes Element aller Keltennationen neben ihren – oft archaisch anmutenden – Sprachen, ihrer Musik und ihren ähnlichen Traditionen ist der Sagen- und Legendenschatz, aus dem die Nachfahren der alten Völker bis heute schöpfen. Keine der Überlieferungen kommt an König Artus vorbei, jenem furchtlosen Gründer der Tafelrunde aus gleichberechtigten tugendhaften Rittern, der mit seinem Unbesiegbarkeit verleihenden Schwert Excalibur in der Hand die damals schon christlichen Kelten gegen „barbarische“ Eindringlinge anführte. Artus ist eine verklärte Lichtgestalt des Mittelalters, Inspiration für fast alle europäischen Herrscher vergangener Jahrhunderte und aus der Literaturgeschichte des Abendlandes nicht wegzudenken. Zwar ist er als Heldenfigur erst seit dem Hochmittelalter namentlich belegt und erst nach seiner Darstellung durch den britischen Mönch und Geschichtsschreiber Geoffrey von Monmouth (12. Jh.) in dessen „Geschichte der Könige Britanniens“ (Historia Regum Britanniae) wird er auch von anderen Schreibern und Sängern erwähnt – von dem französischen Trobadour und Romancier Chrétien de Troyes etwa oder von den deutschen Minnesängern Wolfram von Eschenbach oder Hartmann von Aue. Doch fallen die Beschreibungen seiner Taten vielfach mit denen aus anderen Sagenkreisen, z.B. denen um den „Heiligen Gral“ oder um besonders tapfere Ritter-Helden wie Parcival, Tristan, Ivain oder Lancelot, zusammen. Aber interessanterweise finden sich in jeder größeren keltischen Region – sei es in Südengland/Cornwall, in Schottland, Irland oder Wales – Schauplätze, an denen sich nach Erzählung und Glauben der Einheimischen die Heldentaten aus den Geschichten um Artus und die Ritter der Tafelrunde zugetragen haben – und natürlich gibt es solche auch in der Bretagne!

Das legendäre Land Brocéliande mit seinem Zauberwald, in dem alle die geheimnisvollen Orte der Artussage zu finden sind, sucht man allerdings direkt und unter seinem Sagen-Namen auf einer Karte der Bretagne vergeblich. Doch man findet im Herzen der Bretagne ihren ausgedehntesten Wald, den Forêt de Paimpont. Der Sage nach hat Merlins Geliebte Nimue, die auch als Herrin vom See oder Fee Viviane in der Sage auftritt und der Artus sein legendäres Schwert Excalibur verdankt, den Zauberer hier im Wald für immer in eine Weißdornhecke gebannt, nachdem er ihr die Ursprünge seiner Zauberkräfte offenbart hatte. Und in diesem Wald gibt es die „Geheimnisbrücke“, auf der die Fee ihre Liebe zu Merlin gestand und gleich darauf in einer Wolke verschwand, man findet aber auch das Grab des Zauberers Merlin, die wundertätigen Quellen sowie Reste der sagenhaften Artusburg Camelot oder der Geburtsorte der Fee Viviane und des Orts der Kindheit von Ritter Lancelot im größten Wald im Herzen der Bretagne, dem Forêt de Paimpont.

Hier widmet sich ein eigenes Fremdenverkehrsamt dem Areal, in dem die meisten Kultstätten aus der Artusgeschichte liegen. Zentraler Ort ist der Marktflecken Paimpont mit seiner interessanten alten Abtei und umgeben vom geheimnisvollen Wald mit stets etwas mystischer Atmosphäre. Einst fast 150 km² groß, ist er heute auf weniger als die Hälfte zusammengeschrumpft – aber er ist immer noch Ziel zahlreicher Wanderer und anderer Reisender auf den Spuren der Geschichten um Artus, Merlin, die Ritter und auch die Feen der Sage.

Unweit vom Ort liegt ein (beinahe verwunschenes) Schloss: im Château de Comper, in der Realgeschichte im Besitz einiger der einflussreichsten Adelsfamilien des Landes, soll nicht nur die legendäre Fee Viviane geboren worden sein, auch Lancelot, der wohl bekannteste Ritter von Artus‘ Tafelrunde soll hier – in Vivianes auf dem Grund des Sees liegender Kristallburg – gelebt haben und erzogen worden sein. Heute beherbergt das Schloss ein Artus-Zentrum, in dem man Ausstellungen besuchen, an Abenteuerführungen teilnehmen, „legendären Spielen und Turnieren“ beiwohnen oder sich im Buchladen und Souvenirshop auf Legendenspuren begeben kann.

Nicht weit davon liegt das schlichte „Merlin-Grab“, durch Schieferplatten und eine Stechpalme markiert, und gleich daneben die „Fontaine de Jouvence“, der Jungbrunnen, eine Quelle, die natürlich als wundertätig gilt. Ähnliche Eigenschaften hat auch die „Fontaine de Barenton“, auf der anderen Seite der zentralen Ortschaft, westlich von Paimpont. Um sie zu erreichen, muss man den Zauberwald von Brocéliande schon zu Fuß durchstreifen – dann findet man auch den gleich daneben liegenden Stein „Perron de Merlin“ – Merlins Treppe. Beide zusammen sollen höchst gefährlich sein, denn wenn man es schafft, etwas von dem Quellwasser auf den Felsen zu schütten, kann man – wie einst Merlin – das Wetter beeinflussen und Stürme auslösen. Jetzt ist man auch weiteren Höhepunkten des Merlin- bzw. Artuslandes recht nahe: z.B. der von Wasser umgebenen Burg von Trécesson, die ihr mittelalterliches Erscheinungsbild (sie stammt aus dem 14. Jh.) bewahren konnte.

Auch die bedeutsamsten und geheimnisvollen Orte der Region Brocéliande sind nun zum Greifen nahe: man durchquert das lange „Val sans retour“, das Tal ohne Wiederkehr. Einst soll es die Fee Morgan Le Fay wegen der Untreue eines ihrer Ritter mit einem Fluch belegt haben: nur jemand, der sich niemals der Untreue oder eines anderen Vergehens schuldig gemacht hatte, konnte es je wieder verlassen. Hunderte Seelen auch namhafter Ritter blieben so hier gefangen, bis es Lancelot gelungen sein soll, den Zauber zu brechen. Noch heute zeugen Namen wie „Miroir aux fées“ – Feenspiegel – für einen der Teiche im Tal oder „Rocher des faux amants“ – „Felsen der untreuen Liebhaber“ von der sagenhaften Bedeutung des Ortes. Lohnendes Ziel für den Wanderer und sichtbares Zeichen für einst vorhandenen und nun gebrochenen Zauber ist der nach einem Brand 1990 vom Künstler François Davin vergoldete kahle Baum in der Nähe des Feenspiegel-Sees. Wer den „Arbre d’Or“, den Goldbaum, erreicht, hat den Zauberwald schon fast durchquert. In seiner Nähe liegt die hübsche Kirche von Tréhorenteuc aus dem 17. Jh.. In ihrer Ausstattung – Mosaiken, Gemälden und gestalteten Fenstern – finden sich zahlreiche Motive und Anspielungen aus den Geschichten um Artus, den Heiligen Gral und die Ritter-Sagen, aber auch ganz allgemein aus Quellen keltischer und christlicher Traditionen.

 

Sommerheft 2008 der Zeitschrift „Bretagne Magazine“. Foto: I. Kolboom. (Quelle: http://www.sachsen-bretagne.com/images/Dokumente_PDF/9.-GLAUBE--LEGENDEN--MYTHEN.pdf )

 

L'Arbre d'Or von François Davin (1991) im „Val sans retour“ (PaimpontIlle-et-Vilaine). Foto/Quelle: By Raphodon (Own work) via Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arbre_d’Or72.JPG

 

 

Tischplatte Artus‘ Tafelrunde, Great Hall, Winchester Castle in Winchester, UK, Foto: Dr. Michael Krause (2016)

 

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Nantes, die „historische Hauptstadt und Residenz der Herzöge der Bretagne“, ist heute zwar der Hauptort der nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffenen Region Pays de la Loire und damit verwaltungstechnisch von der geschichtsträchtigen Bretagne abgetrennt, aber durch ihre Rolle in der Geschichte bleibt die Stadt nach wie vor „typisch bretonisch“ und fehlt daher auch in keinem Reiseführer zur Bretagne. Eine andere Lesart würde auch Verwunderung auslösen, war der Ort mit seinem gewaltigen Schloss doch viele Jahre hindurch die Residenz der Bretagne und verlor seine große Bedeutung erst mit der Angliederung des Herzogtums an Frankreich zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Das Schloss der bretonischen Herzöge ist immer noch das eindrucksvollste Bauwerk dieser französischen Großstadt. Es wurde unter Herzogin Anne de Bretagne (1477 – 1514) zu einem der wichtigsten Herrscherorte Frankreichs – und auch später beherbergte es noch prachtvolle Hofhaltungen verschiedener französischer Könige. So hielt sich auch Henri IV hier auf, der in Nantes 1598 sein berühmtes Edikt unterzeichnete, das den Protestanten Religionsfreiheit zusicherte.

Gleich neben dem Schloss präsentiert sich die eindrucksvolle Kathedrale Saint-Pierre, überwiegend in französischer Spätgotik, im Flamboyant-Stil errichtet. Ihre insgesamt mehrhundertjährige Bauzeit (1434 – 1891) wird nur von wenigen europäischen Kirchen – wie z.B. dem Kölner Dom (1248 – 1880) – übertroffen. Das vielleicht bedeutendste der hier zu findenden Kunstwerke stammt aus der Renaissance: das Grabmal von Franz II., (1435 – 1488), dem Herzog der Bretagne, und seiner Gemahlin Margarethe von Foix. Es war ursprünglich die Grablege des Herzogs in der Nanteser Karmeliterkirche, die aber während der französischen Revolution abgerissen wurde. So bildet bis heute die Kathedrale von Nantes einen würdigen Rahmen für das einzigartige Kunstwerk, das nun im südlichen Seitenschiff beheimatet ist. Herrlich gestaltet aus schwarzem und weißem Marmor ist das Meisterwerk von den qualitätvollen Skulpturen der vier Kardinaltugenden Klugheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit umgeben.

Die Gestaltung von „Gisants“ – so der Fachterminus für besondere, plastisch gestaltete Darstellungen liegender Totenfiguren auf Sarkophagen oder Kenotaphen – geht vielleicht bis in die Antike zurück, tauchte aber erst im Hochmittelalter mit deutlicher ikonografischer Veränderung und zeitlich-geografischer Entfernung wieder auf. Dort jedoch wurde sie häufiger und sehr ausdrucksstark verwendet.

Der Skulpteur und Bildhauer Michel Colombe – verantwortlich auch für andere Marmorkunstwerke, die aber trotz ihrer Kunstfertigkeit zumeist nicht die Qualität und Ausdruckskraft des Herzogsgrabmals von Nantes erreichen – hat dieses grandiose Renaissance-Ensemble entworfen. Die bekanntesten Werke von ihm – zumindest die, welche die Wirren der Zeit überlebt haben - stammen aus seiner späten Schaffensperiode. Der in Bourges um 1430 geborene Meister schuf die meisten seiner Skulpturen in Tours, wo er seine letzten zwanzig Lebensjahre verbrachte.

Die Elemente seiner Darstellung des Herrscherpaares Franz II. und dessen Gemahlin Margarethe von Foix bestechen vor allem, neben der qualitätvollen Ausführung, durch ihre Detailtreue – geradezu besessen achtete der Künstler auf jede Kleinigkeit im Faltenwurf der Gewänder und bei der Herausarbeitung von Mustern auf der Kleidung oder angedeuteter Schmuckstücke. Durch diese detaillierte Gründlichkeit bei der Gestaltung von Gesichtsausdrücken und Handhaltungen, bei denen jedes Hautfältchen am richtigen Platz sitzt, ebenso wie genau herausgearbeitete Muskeln, Wangen und Handbewegungen, entsteht für den Betrachter echte Glaubwürdigkeit bezüglich des dargestellten Gefühls. So prägen sich sofort auch Einzelheiten wie die Fingergrübchen ein, durch die man glaubt, die Intensität des Gebets an den gefalteten Händen ablesen zu können, oder effekthaschend gelegte Haarlocken aus hartem Marmor, was den Darstellungen eine fühlbare Lebendigkeit verleiht.

Geschickt nutzt der Künstler – wie damals üblich – seine Fähigkeiten, um Allegorien bis hin zur Personifikation aufzubauen. So trägt seine Allegorie der Klugheit wohl auch nicht zufällig die Züge der Tochter des Herzogs, Anne de Bretagne. Eine ähnlich glaubhafte Lebensechtheit der dargestellten Szene erreichte Colombe, der 1515 in Tours starb, auch mit der Grablegung Christi, die er um 1496 für die Benediktinerabtei Saint-Pierre-de-Solesmes nahe der Stadt Le Mans in der historischen Provinz Anjou erschuf.

Hinweis: Zu Nantes schrieb Dr. Michael Krause 2014 einen Artikel im „Bretonischen Kaleidoskop“: http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/268-nantes-historische-hauptstadt-und-residenz-der-herzoege-der-bretagne

 

Das Grabmal von Herzog Franz II. und seiner Gemahlin Margarethe von Foix in der Kathedrale Saint-Pierre in Nantes. Foto Dr. Krause.

Siehe auch Text und Fotos unter: https://fr.wikipedia.org/wiki/Tombeau_de_François_II_de_Bretagne

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Herrliche alte Städte hat die Bretagne zu bieten, ganz besonders malerische liegen an den Ufern des Atlantik und des Ärmelkanals, wie Concarneau, Roscoff, Brest oder St. Malo. Ihre festen, grauen Steinhäuser aus einheimischem Granit und – wie in St. Malo oder Brest – gewaltige, schützende und bis heute begehbare Stadtmauern oder furchteinflößende Zitadellen sind imponierende Zeugen einer Zeit, in der man hierzulande nicht nur Stürmen und Naturgewalten, sondern noch häufiger vielleicht den Angriffen möglicher Eroberer standhalten musste. Unendlich lang scheint die durch Felsbuchten und kleinen Inseln, schroffe Klippen, Felsenküsten mit rauen bis sanften Landzungen und immer wieder einladende, sandige Badebuchten geprägte bretonische Küste zu sein. So ist es nicht verwunderlich, dass die durchaus raubeinig und mitunter etwas verschroben wirkenden Einwohner – liebevoll und durchaus treffend beschrieben und charakterisiert in den Kriminalromanen eines Jean-Luc Bannalec (alias Jörg Bong) – die bei näherem Kennenlernen hilfsbereit, nett und gastfreundlich sind, aus den Tiefen ihrer Geschichte heraus eine starke und innige Verbindung zum Meer haben. Aus der Bretagne kamen und kommen Frankreich erfahrenste Seeleute, viele bedeutende Fischereizentren sind hier ansässig und schon in früheren Zeiten griffen Herrscher, Könige und Minister Frankreichs gern auf Personal aus der Bretagne zurück, wenn es um maritime Belange ging. Bis zur Französischen Revolution entwickelte sich der Landesteil zur wichtigsten Seeprovinz Frankreichs. Doch was wären die Seefahrt und ihre Historie ohne die vielen – nicht immer hundertprozentig glaubwürdigen – Geschichten und Anekdoten um maritime Erlebnisse, Seeschlachten, Schätze und natürlich Piraten. Kein Wunder auch, dass die meisten der französischen Seefahrer-Legenden und berühmten Kapitäne in der Bretagne beheimatet sind…

Während im „Goldenen Zeitalter der Piraten“, im 17.und 18. Jahrhundert, vor allem Briten und Holländer in der Karibik als Freibeuter und Jäger spanischer Schatzschiffe von sich reden machten und berühmte Franzosen wie der als besonders grausam bekannte François l’Olonnais (1630 – 1669), der aus der der Bretagne benachbarten Region Vendée stammte, eher die Ausnahme waren, kennt die lokale Geschichte Nordfrankreichs und die der Seefahrt in der Region schon lange vorher, aus der Zeit des Hundertjährigen Krieges gegen England und kurz danach berühmte bretonische Piraten, wie die als „Tigerin der Bretagne“ bezeichnete Anführerin Jeanne de Belleville aus dem 14. Jahrhundert oder den „König der Meere“ im 15. Jahrhundert, den aus Morlaix stammenden Jean Coatanlem.

Dann jedoch nutzte der französische König das „maritime Potential“ seiner im 16. Jahrhundert angegliederten westlichen Provinz und stattete die wagemutigen Seefahrer mit Kaperbriefen aus, so dass sie Krieg zur See gegen Frankreichs Feinde führten, mit Rückendeckung der französischen Krone. Besonders die „Stadt aus Granit“ St. Malo hat von daher den Ruf eines einstigen „Korsarennestes“ und vor allem in den zahlreichen Konfrontationen mit der auf der anderen Seite des Ärmelkanal liegenden Seefahrernation England festigte sich der Ruf der Bretonen und ihrer Seeleute als „Schrecken der Engländer“. St. Malo trägt bis heute ihren Beinamen als Korsarenstadt mit Stolz, verehrt die von hier entsandten Freibeuter als Helden und war ja sogar im Verlauf ihrer wechselvollen Geschichte einige Zeit als Republik unabhängig (vgl. dazu http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/262-saint-malo-eine-stadt-aus-granit-auferstanden-aus-ruinen)

Nicht wenige der als „Korsaren“ – dem romanischen Wort für „Kaperfahrer“ – bezeichneten bretonischen Kapitäne kamen zu Reichtum und Ansehen, einige wurden später in den Marine- und Staatsdienst übernommen. Zu den bekanntesten gehört René Duguay-Trouin (1673 – 1736), Sohn eines Reeders aus St. Malo. Er übernahm schon sehr jung das Kommando über ein eigenes Schiff und zeichnete sich durch viele erfolgreiche Kaperfahrten aus. Die Eroberung des für uneinnehmbar gehaltenen Rio de Janeiro und die reiche Beute seiner Expeditionen, an der jeweils der französische König einen Anteil erhielt, bescherten ihm zahlreiche Auszeichnungen wie die Erhebung in den Adelsstand und sorgten dafür, dass er nicht nur zum Geschwaderchef und ab 1728 sogar zum französischen Admiral ernannt wurde, sondern auch für seine Berufung in den Staatsrat der Krone. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Seehelden der Nation, immer wieder werden Kriegsschiffe und in Kürze auch ein Atom-U-Boot einer neuen Kampfklasse nach ihm benannt.

Noch bekannter wurde der mit Duguay-Trouin verwandte Robert Surcouf (1773 – 1827), ebenfalls aus St. Malo. Sein Leben bzw. einzelne Episoden daraus wurden mehrfach verfilmt, selbst Karl May hat ihm in seinen Erzählungen ein literarisches Denkmal gesetzt – in seiner Novelle „Robert Surcouf – ein Seemannsbild“ (1882) und als Kaperkapitän in der Erzählung „Halbblut“ (1889).

Surcouf machte bei Kaperfahrten vor allem gegen England reiche Beute und wurde zwischendurch in seiner Heimatstadt St. Malo ein geachteter Bürger, erfolgreicher Geschäftsmann und Schiffsausrüster, dem man später auf der breiten Promenade der Befestigungswerke von St. Malo ein bronzenes Denkmal setzte. Einen Namen machte er sich auch in den französischen Revolutionskriegen und der napoleonischen Zeit als Blockadebrecher der britischen Kontinentalsperre gegen Napoleon. Die britische Regierung setzte zeitweise auf ihn, der in Frankreich als „Geißel der Engländer“ gefeiert wurde und dessen bloßes Erscheinen auf einem Seekampfplatz 1808 im Indischen Ozean ausreichte, dass das britische Geschwader die Flucht ergriff, als Surcoufs Schiff erkannt wurde, ein Kopfgeld von fünf Millionen Franc auf ihn aus.

Seine Kaperfahrten bescherten ihm solch umfangreiche Beute, dass er als einer der reichsten Bretonen galt und aus seinem Reichtum auch keinen Hehl machte, obwohl nicht alle Unternehmungen als Schiffseigner erfolgreich verliefen. Eine Anekdote erzählt von Surcoufs Begegnung mit Napoleon Bonaparte, bei der der Kaiser dem Kaperkapitän ein hohes Kommando in der Marine anbot. Surcouf lehnte ab und Napoleon verwies auf die horrenden Verdienstmöglichkeiten. Der Korsar soll darauf gesagt haben, er sei bereits so reich, dass er den Boden seines Arbeitszimmers mit von Napoleon herausgegebenen Goldmünzen gepflastert habe. Als der verärgerte Kaiser daraufhin meinte, „das ist aber Verrat, denn da treten Sie mir beständig auf den Kopf!“, soll Surcouf trocken entgegnet haben: „Nein Majestät! Es sind so viele Münzen, dass ich sie auf den Rand gestellt habe!“ Auch dieser erfolgreiche bretonische Kaperkapitän ist seither in der Geschichte der französischen Marine Namenspatron zahlreicher Kriegsschiffe geworden - zuletzt für eine Fregatte der französischen Kriegsmarine. Ein Nachbau von Surcoufs achtem und letzten Kaperschiff „Le Renard“ liegt heute im Hafen von St. Malo.

Das Ende der napoleonischen Herrschaft nach der Niederlage bei Waterloo und verschiedene Neuerungen jener Zeit in den Marinen der Nationen beendeten schließlich das große Zeitalter der Piraten und Korsaren. Allerdings gibt es bis heute in St. Malo die Korsaren-Kutter Vereinigung, die – übrigens von dem nach dem Korsaren Duguay-Trouin benannten Kai aus – den Nachbau von Surcoufs Schiff verwaltet und im Sommer mit Touristen auf Küstenfahrt geht
(Link: http://www.etoile-marine.com )

 

 

 

Links: Surcouf-Denkmal auf der Stadtbefestigung von St. Malo. Foto: Dr. Krause

Rechts: Nachbau von Surcoufs Kaperschiff „Le Renard“. Foto: Jean Rémi. © Rémi Jouan, CC-BY-SAGNU Free Documentation LicenseWikimedia Commons

 

Literatur in der Bretagne - Ein Streifzug

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Dass die Bretagne eine eigene Sprache hat, die zu den durchaus etwas „altertümlich“ erhaltenen des keltischen Zweiges der indogermanischen Sprachen gehört und mit dem Cornischen in Cornwall und dem Kymrischen in Wales verwandt ist, haben wir schon an anderer Stelle im „Kaleidoskop“ erwähnt (siehe http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/bretonisches-kaleidoskop-mainmenu-201/260-die-sprache-der-bretonen). Aufgrund der Quellenlage lassen sich jedoch wirkliche altbretonische Schriften nicht genau rekonstruieren oder beschreiben, auch nicht die Ursprünge bretonischer Literatur. Aus der literarischen Frühzeit der Region lässt sich am ehesten indirekt etwas aus in Latein gehaltenen Schriften vor allem der Kirche und der Klöster oder aus Berichten der Nachbarn in altfranzösischer Sprache erfahren: Elemente der zahlreichen (keltischen) Überlieferungen rund um den Sagenkönig Artus wurden beispielsweise von Legenden aus der Bretagne inspiriert und Schriften und Briefe des unter anderem durch seine unglückliche Liebesgeschichte mit seiner Schülerin Heloise berühmt gewordenen bretonischen Mönchs und Gelehrten Petrus Abaelardus, geboren bei Nantes und später Abt des abgelegenen bretonischen Klosters Saint-Gildas-en-Rhuys, bereicherten das geistige Leben des 12. Jh. Auch Brito, der vielleicht bekannteste bretonische Literat des 13. Jh., verfasste als Chronist „Guillaume le Breton“ sein Versepos „Philippide“ zur Verherrlichung des französischen Königs Philipp II. August in Latein…

Seit dem 15. und 16.Jh., also seit der Zeit, als das Herzogtum Bretagne bereits immer stärker vom großen Nachbarreich Frankeich beeinflusst und schließlich durch Heirat in dieses integriert wurde, gab es mehrere nachgewiesene bretonische Dichter und (Geschichts-)Schreiber … aber deren bevorzugte Schreib-Sprache wurde Französisch. Im 17. Jh. machte die feinsinnige, gebildete Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné (1626 – 1669) von sich reden. Die in Paris Geborene hatte einen bretonischen Adeligen geheiratet und ging vor allem durch ihre Briefe in die Literaturgeschichte ein. Beinahe ein ganzes literarisches Genre hingegen beeinflusste der Bretone Alain René Lesage (1668 – 1747), der in seinem Schelmenroman „Gil Blas“ auch autobiografische Züge verwendete, Erinnerungen an seine Jugend in der Gegend um Vannes einflocht und die französische Gesellschaft seiner Zeit vorführte - auch wenn sein Pikaro-Roman in Spanien spielte… Immerhin beeindruckte er spätere Generationen so, dass eine der namhaftesten französischen Satirezeitschriften des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh. als ihren Namen den des Roman-Titelhelden wählte …

Zu den berühmtesten bretonischen Autoren französischer Sprache und einem der bedeutendsten der französischen Romantik zählt der Schriftsteller und Politiker François René de Chateaubriand (1768 – 1848) aus St. Malo, der in seinem erst ab 1849 veröffentlichten Hauptwerk „Mémoires d’outre tombe“ (Erinnerungen von jenseits des Grabes: meine Jugend, mein Leben als Soldat und als Reisender (1768 – 1800) unter anderem seine Kindheit und Jugend auf Schloss Combourg schildert; das Schloss liegt auf einem Hügel oberhalb der namensgebenden Stadt Combourg im Departement Ille-et-Vilaine.

Das Jahr 1839 wurde für die bretonische Sprache und Literatur ein Schlüsseljahr, denn in diesem Jahr veröffentlichte der Sprach- und Altertumswissenschaftler Théodore Hersart de La Villemarqué (1815 – 1895) aus Quimper unter dem Titel „Barzaz-Breiz“ zum ersten Mal eine Sammlung bretonischer, bis dahin nur mündlich überlieferter Volkslieder, Erzählungen und Legenden. Hersart de La Villemarqué, der auch korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie der Künste war, veröffentlichte diese Sammlung auf Bretonisch mit französischer Übersetzung. Das „Barzaz-Breiz“ erreichte – der romantischen und zeitgenössischen Neugier auf „ländliche Kultur“ folgend – eine große Verbreitung und machte die bretonische Volkskultur erstmals auch weit über Frankreichs Grenzen bekannt: schon 1858 erlebte es unter dem Titel „Bretonische Volkslieder“ eine Übertragung ins Deutsche.

Auch der Volkskundler und Literaturprofessor Anatole Le Braz (1859 – 1926), Begründer einer frühen regionalistischen bretonischen Bewegung, bemühte sich nachhaltig um die Bewahrung des bretonischen kulturellen und literarischen Erbes, veröffentlichte aber nur auf Französisch; seine auf Bretonisch geschriebenen Gedichte hingegen blieben weitgehend unveröffentlicht oder blieben verstreut. Von seinen vielen bretonischen Legenden wurde der Novellenband „Le Sang de la sirène“ noch zu seinen Lebzeiten ins Deutsche übersetzt (Sirenenblut,1908). Mit dem 1886 erschienenen und höchst erfolgreichen Roman „Pêcheur d’Islande“ (Islandfischer), der u.a. im bretonischen Paimpol spielt, setzte der Marineoffizier und Schriftsteller Pierre Loti (1850 – 1923) dem harten Leben der bretonischen Fischer ein literarisches Denkmal. In kaum einem anderen literarischen Werk wird die Küstenregion der Bretagne mit ihren vielfältigen Landschaften und Stimmungen so facettenreich beschrieben…

Aber auch andere, jüngere literarische Erzeugnisse sind so etwas wie „Liebeserklärungen“ an die Bretagne und insbesondere an ihre Küstenlandschaften. Ob der 1910 und 1927 verfilmte Roman „Das Meer“ des deutschen Schriftstellers Bernhard Kellermann (1879 – 1951) oder das 1975 erschienene Lebenswerk „Le Cheval d’orgueil“ (Das Pferd des Stolzes) des bretonischen Schriftstellers und Volkskundlers Per Jakez Helias (1914 – 1995), das nicht nur in 18 Sprachen übersetzt, sondern sogar 1980 von Claude Chabrol verfilmt wurde (lief in Deutschland lief unter dem Titel „Das Traumpferd“) – sie alle bestimmen seit Jahrzehnten das Bild von der Bretagne mit. Das gewissermaßen jugendliche Alter Ego von Per Jakez Helias war der Dichter und Schriftsteller Xavier Grall (1930 – 1981), dessen Gedichte und Prosawerke eine neue junge, politisch engagierte Literatur in der Bretagne markierten. Zwar schrieb Xaver Grall nicht auf Bretonisch, aber gezeichnet vom Algerienkrieg gehörte er zu denjenigen, die sich für eine stärkere bretonische Unabhängigkeit gegenüber Frankreich und von der französischen Kultur einsetzten und Helias als bloße Traditionalisten kritisierten ...

Ähnlich wie in der Musik, die starke Anleihen bei den keltischen Traditionen aufnimmt, werden auch auf literarischem Weg immer wieder Besonderheiten, Einzigartigkeit und Eigenart sowie Eigenständigkeit der Bretagne hervorgehoben. Heute gibt es eine florierende bretonische Literaturszene, in der Tradition und Moderne eine weltoffene Verbindung eingehen (siehe http://www.sachsen-bretagne.com/index.php/themenblaetter-zur-bretagne/322-themenblatt-kultur-literatur-theater-tanz-vokal-musik-verlage-medien/). Eine vielfältige regionale Verlagslandschaft begleitet heute diese neuen Dichter- und Schriftstellergenerationen. Ein Kreis von Schriftstellerkollegen um den 1944 geborenen Michel Le Bris rief 1990 ein internationales Literatur- und Filmfestival in Saint-Malo ins Leben, das unter dem Namen „Étonnants Voyageurs“ (http://www.etonnants-voyageurs.com/) seither alljährlich stattfindet. Mit jeweils aktuellem Motto versehen – 2016 beispielsweise mit dem bezeichnenden Titel „Schriftsteller und Künstler im Chaos der Welt“ – fand es auch im Juni 2017 wieder statt, diesmal unter dem Titel „Die Zukunft hat schon begonnen!“ Wieder an etwa 25 Stätten, Cafés und Buchhandlungen mit Lesungen, Debatten und Sitzungen zog es auch diesmal wieder Zehntausende in seinen Bann.

Zum Schluss lässt es sich kaum vermeiden, auf den deutschen Kriminalschriftsteller Jean-Luc Bannalec (sein wirklicher Name ist Jörg Bong) hinzuweisen. Mit seinen inzwischen sechs Bänden mit dem Kommissar Dupin als Hauptfigur ist es dem Verleger und Schriftseller Jörg Bong, Jahrgang 1966, nicht nur gelungen, einem breiten deutschen Publikum die Bretagne mit ihren liebenswerten und spannenden Abweichungen vom „normalen“ Frankreich literarisch zu erschließen und populär zu machen. Seine bretonischen Krimis wurden auch verfilmt und neben anderen Sprachen natürlich ins Französische übersetzt; die Region Bretagne dankte ihm, indem sie ihn 2016 mit dem Titel „Mécène de Bretagne“ auszeichnete (http://www.kiwi-verlag.de/autor/jean-luc-bannalec/1455/).

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Abbildungen: Verlagswerbungen © Coop Breizh, © Presses universitaires de Rennes, © Wagenbach