Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Zu den vermutlich archaischsten noch gesprochenen Sprachen der indogermanischen (indoeuropäischen) Sprachfamilie gehört das zum keltischen Zweig der indogermanischen Familie zählende Brezhoneg, das Bretonische. Die aktive Verwendung einer solchen keltischen Sprache im täglichen Leben gilt als Kriterium für die Einordnung des betreffenden Volkes unter die „keltischen Nationen“, von denen es derzeit sechs gibt – neben der Bretagne gehören Schottland, Irland, Wales, Cornwall und die Insel Man dazu. Interessanterweise gelten hierbei die Bretonen, wiewohl sie an der Nordwestspitze des französischen Festlands leben, als „Inselkelten“. Das hängt mit ihrer Herkunft zusammen, denn sie stammen nicht direkt von den Galliern ab, die seit den Gallischen Kriegen des Römischen Imperiums von Rom erobert und als Kolonien romanisiert worden waren, sondern von den Bewohnern der antiken Inselregion „Britannien“.

Obwohl die Römer nach 55/54 v.Chr. auch weite Teile des heutigen Großbritannien eroberten, zogen sich viele ihrer Herkunft nach keltische Stämme in die westlichen und nördlichen Gebiete der größten Insel Europas zurück. Zumindest den Nordteil eroberte Rom nicht, im 2. Jh. n.Chr. errichteten sie einen Limes, eine befestigte Grenze, den Hadrianswall. Auch im Südwesten – in Wales und Cornwall – blieben keltische Stämme bestehen. Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches in der Völkerwanderung mussten sich die Keltenvölker Großbritanniens einer neuen Herausforderung stellen: Im 5. Jh. wanderten Stämme der Angeln, Warnen, Jüten, Sachsen und Friesen ein und es begannen – spätestens nach Rückzug der letzten Römertruppen, die zur Verteidigung des Weströmischen Reiches gegen andrängende Germanenstämme und Steppenvölker (z.B. die Hunnen) gebraucht wurden – die Kämpfe zwischen Germanen und Kelten um die Herrschaft in Britannien.

Schon seit der Bronze- und frühen Eisenzeit, erst recht seit den Zeiten der römischen Kolonisation, hatten rege Kontakte zwischen Britannien und seinen Keltenvölkern und den nach und nach romanisierten Kelten – Galliern – südlich des Ärmelkanals bestanden. Während sich in Britannien die Gebiete der einwandernden, noch heidnischen Germanenstämme immer weiter ausdehnten, wichen viele Kelten vor allem aus dem heutigen Wales und von der Halbinsel Cornwall, die damals bereits das Christentum angenommen hatten, auf das kontinentale Festland aus, auf die relativ dünn besiedelte, damals „Aremorica“ genannte Halbinsel aus.

Die immer größer werdende Zahl der Einwanderer von der britischen Insel brachte nicht nur das Christentum in den von ihnen besiedelten Landstrich, sondern auch ihre keltische Sprache und Kultur. Diese begannen sich auszubreiten und nach und nach die in Nordwestfrankreich entstandenen gallorömischen Besonderheiten aufzuheben. Die „Neusiedler“, die von der Insel auf das Festland kamen, gründeten nahezu überall ihre alte Heimat im jetzigen Siedlungsgebiet neu – das verraten nicht nur der Name Bretagne – „Britannien“ (und auch im Englischen als Groß- und Klein-Britannien bezeichnet) – sondern auch zahllose Ortsnamen im Nordwesten Frankreichs, wie z.B. der Name der traditionsreichen Halbinsel Cornouaille, Teil des heutigen Départements Finistère, deren Name nichts anderes als „Cornwall“ besagt – nur in französischer Schreibweise.

So wurden schon seit dem Anfang des nachchristlichen Jahrhunderts neue Königreiche von den Einwanderern aus dem Süden Großbritanniens gegründet – als erstes wohl das Königreich Armorica vom sagenhaften ersten Herzog und König der Bretagne Conan Mériadoc – und wenige Jahrzehnte später die bretonischen Königreiche Dommonée, Vannes und Cornouaille (West-Bretagne), von dessen ersten sagenhaften König Gradlon die bekannte Sage vom Untergang der Stadt Ys berichtet (siehe unseren Beitrag „Die Legende von Ys“).

Diese an mehreren Stellen erfolgten Gründungen keltischer Königreiche schalteten im 6. Jh. den gallorömischen Einfluss nahezu völlig aus und wurden schließlich zu einem Königreich zusammengefasst. Ihre Mundarten – getrennt vom aktiven Sprachgebrauch in Cornwall und Wales, möglicherweise auch doch noch beeinflusst durch Reste des vor der Römerzeit gesprochenen keltischen Idioms – gingen eigene Wege und entwickelten sich zu einer eigenständigen keltischen Sprache, die schon wenig später als Brezhoneg bezeichnet wurde.

Zwar unterwarf der Frankenkönig Karl der Große die neu entstandene bretonische Nation 799 und verleibte große Teile davon dem Frankenreich ein, doch gelang es dem bretonischen Grafen Nominoë um 845 den König des Westfrankenreiches zu besiegen und die Bretagne zu einem unabhängigen Herrschaftsgebiet zu machen. Die Uneinigkeit seiner Nachfolger jedoch und die starke Heermacht der benachbarten Normannen brachten der Bretagne nicht nur größere Gebietsverluste, im 10. Jh. mussten die Bretonen sogar zeitweilig die Oberhoheit der Normannen anerkennen.

Dennoch wurden die Bretonen wieder unabhängig und als Herzogtum Bretagne gelang es ihnen, noch für fast 500 Jahre eine Autonomie und teilweise sogar bedeutende militärische Position gegenüber der Normandie – seit der Schlacht bei Hastings 1066 auf das engste mit dem Königreich England verbunden – und Frankreich zu behaupten.

Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…

Die Migration der keltischen Britannier auf das Festland im 6. Jh. n.Ch. - Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/Britonia6hcentury.png/640px-Britonia6hcentury.png

Die bretonischen Königreiche im 9. Jh. n.Ch. - Quelle:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/27/Map_Kingdom_of_Brittany_845-867-de.svg/707px-Map_Kingdom_of_Brittany_845-867-de.svg.png

 

Wie eine der bekanntesten bretonischen Wallfahrtskirchen entstand

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Er war ein Narr, dieser Salaün: so will es zumindest die Legende, die den Namen des Ortes Le Folgoët als „Wald des Narren“ beschreibt und gleich noch mit erklärt, warum dieser kleine Ort mit der Basilique Notre-Dame du Folgoët eine der prächtigsten und vielleicht ungewöhnlichsten Kirchen der Bretagne besitzt. Auf jeden Fall sind die Geschichten über die Wahl des Bauplatzes und die historischen Hintergründe des Kirchenbaues bezeichnend für die Mystik und Eigenwilligkeit der Bretagne, tragen sie doch sowohl der tiefen Religiosität der Bretonen und ihrer Vorliebe für Legenden einerseits als auch ihrem Hang zu Eigenständigkeit, zur Originalität und vor allem zur Unabhängigkeit andererseits Rechnung. Vielleicht war der als „armer Irrer“ oder Dorftrottel beschriebene Namensgeber des Ortes, auf den alle bedeutenden Reiseführer verweisen, ja auch nur ein durch die damaligen unruhigen Zeiten im Bretonischen Erbfolgekrieg (1341 bis 1364) Verwirrter oder durch die beständigen Kriegshandlungen Traumatisierter und psychisch auffällig Gewordener – auf jeden Fall war er höchst religiös und passte in die für die damalige Bretagne typische ausgeprägte Marienverehrung. Er soll in einer hohlen Eiche im Wald von Lesneven (im Nordosten des heutigen Département Finistère) gewohnt und kaum gesprochen haben – das einzig Verständliche, das er bei seinen ständigen Gebeten an der nahen Quelle gemurmelt habe, wäre ein Marienanruf auf Bretonisch gewesen: „Itron Gwerc’hez Vari“ – „Herrin, Jungfrau Maria“.

Grund für den Bau der spektakulären Kirche, die heute noch Tausende jedes Jahr – etwa bei der Autosegnung am letzten Julisonntag oder beim großen Pardon, der Wallfahrt im September – in ihren Bann zieht, ist aber das Wunder, das nach dem Tod von Salaün geschah: eine Lilie erwuchs aus seinem Grab, deren Blütenstempel die Worte „AVE MARIA“ wie in Goldstaub nachbildeten. Man versuchte, dieses unzweifelhafte Wunder zu erklären, und bemerkte dabei, dass die heilige Blume aus dem Mund des Beerdigten entsprossen war. In der ganzen Bretagne sprach man von der märchenhaften Marienerscheinung und genau zu dieser Zeit entschied sich der Erbfolgekrieg in Herzogtum Bretagne. Jahrzehntelang hatten die Nachkommen aus den beiden Ehen Herzog Arthurs II. von Bretagne um die Vorherrschaft im westlichen Nachbarland Frankreichs gekämpft und sich dabei wechselseitig mit den Parteien des in dieser Zeit ebenfalls ausgetragenen „hundertjährigen“ Krieges zwischen England und Frankreich verbündet. Eine blutige Zeit also, in der jede Partei Gottes Segen für den eigenen Sieg erflehte und dafür dem Himmel freigiebig Opfer und Stiftungen gelobte.

Auch die Partei Johanns von Montfort, Gegner des durch Eheschließung mit einer Erbin aus erster Ehe ins herzogliche Umfeld geratenen und von vielen bretonischen Adeligen unterstützten Karl von Blois, gelobte die Stiftung einer prachtvollen Kapelle für die Jungfrau Maria, falls diese ihm im Kampf um die Bretagne Beistand leisten würde. 1364 beendete die Schlacht von Aray, in der einer der Widersacher, Karl von Blois, den Tod fand, den Bretonischen Erbfolgekrieg und Johann V. von Montfort wurde als Herzog der Bretagne anerkannt. Daraufhin begann er eilig, sein Baugelübde einzulösen. Es entstand eine prächtige, später durch ihren Kapellen-Anbau ungewöhnlicherweise L-förmige Basilika, die schließlich Jahrzehnte später, 1423, während der Regierungszeit seines Sohnes vollendet wurde. Dieser Sohn, Johann VI., Herzog der Bretagne, heiratete eine Tochter des französischen Königs und schloss sogar einen späten Frieden mit den einstigen Widersachern aus dem Erbfolgekrieg.

Neben der – durch den Zeitgeschmack und die damalige Bauwut begründeten und daher nicht weiter verwunderlichen – großen Ähnlichkeit zur etwa in der gleichen Bauzeit entstandenen Kathedrale der alten Bischofsstadt Treguir weist der Kirchenbau dennoch einige Besonderheiten auf. Der Kirchturm aus dem 15. Jahrhundert gilt bis heute als einer der schönsten in der Bretagne und als Hinweis auf die Verbindung zur Jungfrau Maria errichtete man in der Kirche den Altar genau über der Quelle, aus welcher der Wunder wirkende Narr immer getrunken hatte. Bis heute kann man auch als Besucher aus dieser Quelle trinken, denn das frische Wasser strömt immer noch unter dem Altar hervor und wird in ein Becken geleitet, aus dem die Pilger – von außen an der Mauer des Chorhauptes – das heilige Nass schöpfen.

Wie bei vielen der bretonischen Sakralbauten verwendete man Kersantoner Granit für die Kirche von Le Folgoët. Aus diesem besonders schwer zu bearbeitendem Material sind nicht nur die fünf Altäre der Kirche, sondern auch die Statue der Madonna von Le Folgoët und der herrliche Lettner, alles Meisterstücke bretonischer Steinmetzkunst.

Die französische Geschichte hatte eigentlich ein schlimmes Schicksal für das wundervolle Bauwerk vorgesehen: nach der Plünderung und der anschließenden generellen Säkularisierung im Zuge der Französischen Revolution sollte es abgerissen werden! Bauern der Umgebung jedoch taten sich zusammen und kauften gemeinsam das Gebäude, um es für den bretonischen Glauben zu erhalten. Nach der Rückkehr der Bourbonenkönige konnte das dadurch nicht zerstörte Bauwerk dann Stück für Stück wieder restauriert und schließlich wieder geweiht werden – vielleicht ein später Triumph des gläubigen Narren …

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Links:  Die Basilique Notre-Dame du Folgoët. Foto/Quelle: Par besopha (La basilique Uploaded by Magnus Manske) [CC BY-SA 2.0], https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_basilique_(6061719250).jpg.
Rechts: Der Brunnen am Chorhaupt der Basilique Notre-Dame du Folgoët, den das Wasser aus der Quelle speist, aus welcher der Wunder wirkende Salaün einst getrunken hatte. Foto: Dr. Michael Krause.

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Ich befinde mich in einer wunderbar wilden Landschaft, inmitten von Felsen und einem unglaublichen Farbenmeer; ich bin voller Begeisterung, auch wenn mir die Arbeit schwer fällt, denn ich war daran gewöhnt, den Ärmelkanal zu malen und der Ozean ist wirklich etwas ganz anderes“, so schrieb Claude Monet 1886, als er „Die Felsen von Belle-Île, die wilde Küste“ malte,an seinen Malerfreund Gustave Caillebotte. In der Tat, das Farbspiel, mit dem die Insel kokettiert, könnte sich kein Künstler wirkungsvoller ausgedacht haben: das tiefe Blau des Wassers und das Schiefergrau der Felsen – im Kontrast mit schneeweiß gekalkten Häusern, dem intensiven Gelb des Ginsters und dem satten Grün der Wiesen: die Schöne hat ihren Namen wahrhaft verdient! Zu jeder Jahreszeit ist die „Belle-Ȋle“ reizvoll – das Kleinod der Bretagne kann mit den verschiedensten Landschaften auf engstem Raum aufwarten und verzaubert nicht nur durch ihre eingangs erwähnten Farbenspiele.

Für ausgedehnte Spaziergänge oder gar Ausritte auf der nur 87 km² großen Insel, die bretonisch „Enez ar Gerveur“ heißt, hatten schon die Prominenten verschiedener Zeitalter etwas übrig. Sarah Bernhardt, die bis heute hier verehrte berühmte Schauspielerin des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, zog sich wieder und wieder hierher zurück, da sie hier „neue künstlerische Kräfte“ schöpfen konnte. Im 16. Jahrhundert schenkte der französische König das gut zehn Kilometer südlich der Halbinsel Quiberon (bret. Kiberen) liegende Eiland seinem Marschall von Retz. Der ließ am Hafen des Hauptortes Le Palais eine Festung anlegen. Mitte des 17. Jahrhunderts kaufte Nicolas Fouquet, Finanzminister unter Ludwig XIV., die Insel, die dann aber, als er in königliche Ungnade fiel, Königsgut wurde. Ludwigs Festungsbaumeister Vauban nahm sich sodann der Zitadelle an, womit sie ihr heutiges Aussehen erhielt. Bis 1960 war das Bauwerk, dessen markante sternförmige und dreieckige Ravelinen und schiffsbugartige Mauern und Wälle bis heute den Eindruck größter Wehrhaftigkeit erwecken, im Besitz des Militärs. Dies kam nicht von ungefähr – die im Meer liegende Insel mit Festung war in zahlreichen Konflikten Angriffsziel, besonders der Engländer und Holländer, und wurde auch mehrfach englisch besetzt.

Geologisch gesehen ist die Belle-Île ein gewaltiges, ein paar Dutzend Meter über das strömungsreiche Meer aufragendes Schieferplateau. Fast wie eine weit ins Meer vorangeschobene Fortsetzung der Halbinsel Quiberon, die ähnlich faszinierende Küstenlandschaften aufweist, präsentiert sich auf Südwestseite der Belle-Île die „Côte Sauvage“, die „wilde Küste“. Sie verdient ihren Namen ebenso wie die „schöne Insel“. Voller Dramatik tosen die Wellen gegen die grauen Schieferfelsen und hinein in die tief eingeschnittenen fjordartigen Buchten, die nicht selten unterhöhlt und von Spalten, Rissen und schmalen Schluchten durchsetzt sind. Wie ein norwegischer Fjord im Mini-Format wirkt der schmale Mündungstrichter des Flüsschens Sauzon im Norden der Insel, kurz vor der Pointe du Cardinal und der noch dramatischer als Insel-Nordkap vorspringenden Pointe des Poulains, jener Felsenspitze, die Sarah Bernhardt so liebte und in deren Nähe sie ein Anwesen kaufte, in dem heute ein ihr gewidmetes kleines Museum eingerichtet ist. Nördlich von hier, abgeschnitten durch die tosenden Gewalten und durch einen Meeresarm von der übrigen Insel getrennt, ist der Landzunge noch ein Felsen mit einem Leuchtturm vorgelagert. Der kann aber nicht mit dem „Grand Phare“ konkurrieren – der große, 52 Meter hohe Leuchtturm von Goulphar wurde schon 1836 in Dienst gestellt und reicht mit seinem Leuchtfeuer fast 50 Kilometer weit aufs Meer.

Die vielleicht schönste und wohl auch bei Touristen beliebteste Stelle der „wilden Küste“ aber sind die Felsnadeln von Port-Coton! Wie Watte, so sagt man, sähe der Schaum des Meeres aus, der hier in der Brandung an den Schieferfelsen entsteht – und das gab der Bucht ihren Namen. Die Straße endet hier direkt am Meer, dort, wo sich ein wundervoller Ausblick auf die vorgelagerten, wie Nadeln aus dem Meer hervorstechenden Felsen bietet. Und so ist die kleine Bucht mit den „Aiguilles de Port-Coton“, den „Felsnadeln des Baumwollhafens“ denn auch einer der reizvollsten und malerischsten Anblicke, den die an Höhepunkten nicht gerade arme bretonische Küste zu bieten hat…

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An der Côte Sauvage. Foto: Dr. Michael Krause

 

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An der Côte Sauvage. Felsnadeln bei Port Coton. Foto: Dr. Michael Krause

 

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Blick auf die Vauban-Zitadelle. Foto: Dr. Michael Krause

 

Literaturtipp für Spaziergänge auf Belle-Île und anderen bretonischen Inseln:
50 balades faciles dans 30 îles de l’Ouest. Dimanche Ouest-France. Hors Série, Rennes 2015, 112 S., 6,90 € — Belle-Île: S. 58-65.

 

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Sie gehört zu den „Grands Sites de France“, zu den „Bedeutenden Stätten Frankreichs“. Als einzige Landschaft der Bretagne ist sie mit diesem Prädikat versehen. Sully Prudhomme setzte ihr mit seinem Gedicht „La Pointe du Raz“ ein literarisches Denkmal. Die „Pointe du Raz“ oder – wie sie auf Bretonisch heißt – „Beg ar Raz“ ist eine felsige Landzunge am Westzipfel der Bretagne und somit einer der geografisch westlichsten Punkte Frankreichs. Gleichzeitig ist dieser Ort, an dem sich die Bretagne oft von ihrer rauesten Seite zeigt, ein äußerst beliebtes Ausflugsziel mit über einer Million Besuchern pro Jahr. Und die wissen, warum sie kommen: Es gibt einen Küstenweg mit nahezu schwindelerregenden Ausblicken, wilde, ungezügelte Natur voller Legenden um Piraten, Strandräuber und Schiffbrüche, die sich nicht zufällig um die aufregende Landschaft ranken. Dazu ein modernes Besucherzentrum hinter dem großen Parkplatz, das Informationen und Souvenirs bietet – all das empfängt hier den Besucher, der sich auf einem ausgedehnten Spaziergang all das ansehen kann, was zur meistverkauften Postkartenansicht der Bretagne gehört.

Es sind mehrere landschaftlich reizvolle Teilabschnitte, die die spektakuläre Umgebung rings um die „Pointe du Raz“ gestalten. Seit den umweltschutzverträglichen Umgestaltungen der späten neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts empfängt ein informatives Besucherzentrum – etwas versteckt an der „Porte du Cap Sizun“ gelegen – mit einem großen vorgelagerten Parkplatz den Ansturm der Touristen, denn die letzen paar hundert Meter bis zur Felsenspitze müssen alle zu Fuß gehen. Das heißt, wer die urwüchsige Natur genießen und sich dem Lärm der Brandung ganz allmählich nähern möchte, der kann bis zum eigentlichen Kap-Felsen vorwandern – wer aber weniger gut zu Fuß ist, für den werden, zumindest in der Hauptsaison, Shuttlebusse vom Parkplatz zur Pointe du Raz bereitgestellt.

Auffallend am Kap ist zunächst die Statue der von Cyprien Godebski 1904 geschaffenen „Muttergottes der Schiffbrüchigen“. Sie steht vor dem „Sémaphore“, diesem maritimen Signalturm aus dem frühen 19. Jahrhundert, der heute Eigentum der Marine und nicht zu besichtigen ist – denn dessen Hauptzweck ist es immer noch, die Sicherheit der Schifffahrt zu gewährleisten. Gerade hier ist die richtige Stelle für eine solche Aufgabe, denn dort, wo sich für den Betrachter der Blick fast grenzenlos hinaus aufs Meer und über die die spektakuläre Felsenszenerie hin zur Île de Sein weitet, befindet sich eine der berüchtigtsten und tückischsten europäischen Meeresströmungen. Der „Raz de Sein“ (wobei „Raz“ für Stromschnelle oder starke Strömung steht) macht das Überwinden der Meerenge zwischen Festland und der sturm- und brandungsumtosten Île de Sein zu einem fast bei jeder Witterung höchst gefährlichen Abenteuer und alte Quellen berichten, dass sie „niemand je ohne Angst oder Schmerz passiert“ hätte.

Bei guter Sicht wandert der Blick zu mehreren Leuchttürmen. Der am weitesten entfernte – „Ar Men“ – liegt noch hinter der Insel Sein und im Nordosten erhebt sich auf einem winzigen Felseneiland der „Phare de Tévennec“. Die Einheimischen haben mit ihrer Namensgebung der zornigen Natur Rechnung getragen – „Enfer de Plogoff“ („Inferno oder Hölle von Plogoff“) nennen sie den schmalen Felsrücken, der, vom tobenden Meer seit Jahrhunderten erodiert und zernagt, durch die Strömung ins Meer hinein- und auf die Île de Sein zuläuft. Dabei heben sich einzelne Felsformationen bis 70 Meter aus dem Meer. Auf der letzten hat der eindrucksvolle Leuchtturm „La Vieille“ Platz gefunden, der zumeist recht malerisch und trotzig aus der Gischt aufragt.

Hunderte Schiffe und Fischerboote sind hier in den Jahren seit der Antike, als die Römer erste Leuchtfeuer auf den Inseln errichteten, in die Tiefe hinabgezogen oder auf den Felsen zerschmettert worden. Wenige Kilometer nördlich, nicht ganz so weit westlich in die Strömungen hineinragend, liegt die „Pointe du Van“, die nicht ganz so spektakuläre Blicke bietet. Dafür allerdings ist der Weg dorthin besonders malerisch und romantisch, bei entsprechend windigem Wetter kann er aber auch recht anstrengend sein. Dafür kommt man an der hübschen Chapelle Saint-They aus dem 15. Jahrhundert vorbei, die man hier als Ruhe- und Gebetspunkt wegen der Bucht, die sie überragt, errichtet hat. Diese wiederum liegt nördlich vom Felsvorsprung der Pointe du Raz und verbindet Letztere mit dem nächsten Kap – eben der erwähnten Pointe du Van. Der Name der Bucht sagt schon fast alles aus, denn die Bretonen nennen sie „Boe an Anaon“ (Bucht der Seelen zur Not). Aber auch ihr französischer Name ist genauso deutlich: „Baie des Trépassés“, „Bucht der Dahingeschiedenen“. Allerdings ist dieser Name, wie Etymologen herausgefunden haben, wohl weniger auf die vielen Opfer der zahlreichen Schiffbrüche, die sich hier ereigneten und die seit Jahrhunderten zur Bildung von Legenden über diesen „schrecklichen Ort“ beigetragen haben, zurückzuführen, sondern eher mit einer altenbretonischen Geschichte verbunden. Früher mündete ein Bach, der jetzt in benachbarte Sümpfe fließt, direkt in die Bucht; man benutze ihn dazu, die sterblichen Überreste der keltischen Priester, der Druiden, hierher zu befördern, damit sie auf der geheimnisvoll mit der „Unterwelt“ verbundenen Insel Sein zur letzten Ruhe gebettet werden konnten. Die Meeresbucht aber wurde damals wohl „Boe an Aon“ genannt – Bucht des Baches – und hat dann ihre leicht makabre aber doch recht eindrucksvolle Bedeutung wohl erst mit einer Umdeutung zum ähnlich klingenden „anaon“ = „Seelen in Not“ erhalten.

 

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Die Pointe du Raz in friedlicher Stimmung. Foto: Dr. Michael Krause.

 

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Brandung an der Pointe du Raz.
Foto: Gerd Thiele, 2005. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Brandung.jpg (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode).

 

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Die Statue „Notre-Dame des Naufragés“ („Muttergottes der Schiffbrüchigen“) von Cyprien Godebski (1835-1909). Pointe du Raz, Finistère.
Foto: Vassil (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons, 2007.

 

 

Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Da hat sich Jean-Luc Bannalec, hinter dessen Pseudonym die Presse den Verleger, Literaturwissenschaftler und Herausgeber Jörg Bong vermutet, der seit 2013 Verlegerischer Geschäftsführer der S. Fischer Verlage ist, ja wirklich einen schönen Schauplatz für den dritten Fall seines stets etwas mürrischen Kommissar Dupin ausgesucht! Die Halbinsel Guérande, benannt nach dem wunderhübschen mittelalterlichen Städtchen, in dem – noch heute komplett von seiner Stadtmauer umgeben – die Zeit stehen geblieben scheint, ist von bezaubernder, wenngleich etwas mystisch und geheimnisvoll wirkender Schönheit. Zwar liegen Landschaft und Stadt heute in der Region Pays de la Loire und gehören verwaltungsmäßig zum Département Loire-Atlantique, historisch gesehen ist die Gegend aber eindeutig der „alten Bretagne“ zuzuordnen, auf die auch der Name – romanisiert aus dem bretonischen „Gwenrann“ – hindeutet.

Noch etwas anderes sagt der Name aus: „gwen“ bedeutet auf bretonisch „weiß“ – und das bezieht sich auf das „weiße Gold“ der Gegend, die seit der Frühzeit ihren Reichtum aus den ergiebigen Salzfeldern bezieht. Seit 1.400 Jahren gewinnen die Bretonen – mit bis heute nahezu unveränderter Technik und immer noch in Handarbeit – auf beeindruckend einfache Art höchst begehrtes Meersalz. Über ein ausgeklügeltes System von flachen Kanälen und miteinander verbundenen Wasserbecken läuft das salzhaltige Wasser des Atlantik in die „Salzgärten“ genannte, großflächige Saline. Dabei wird das Meerwasser mechanisch durch ein seit Jahrhunderten genau berechnetes und immer neu wiederhergestelltes minimales Gefälle portioniert, wobei mittels einfacher Brettchen und Abschottungen der Zufluss geregelt werden kann. Am Ende der Kanäle und Überläufe liegen die kleinen, flachen Verdunstungsbecken, in denen sich das Wasser durch Verdunstung in Sole verwandelt und schließlich dann das Meersalz auskristallisiert. Ein schmaler Kanal, der die Verbindung vom Ozean zur Bucht von Guérande und den Verdunstungsbecken herstellt, speist die knapp 900 Salinen, die zusammen eine Fläche von ungefähr 2.000 Hektar einnehmen. Bis heute befinden sie sich nach alter bretonischer Tradition im Privatbesitz von gut 30 salzproduzierenden Familien, den „Paludiers“, die die hochwertigen Salzprodukte mit eigenem Gütesiegel und durch ihre Genossenschaft verkaufen, zu der sie sich in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zusammengeschlossen hatten. Man kann die Salzgärten besichtigen, die Führungen gehen zumeist vom Salzmuseum Saille aus und zeigen anfangs auch die teilweise uralten Häuser der Salzbauern.

Die Arbeit ist immer noch mühselig, obwohl die Natur einen großen Teil übernimmt: Von Becken zu Becken wird die Salzkonzentration des Atlantikwassers in der prallen Sonne immer größer. An den heißen Tagen fällt das besonders hochwertige „Fleur de Sel“ als dünne weiße Schicht an der Wasseroberfläche aus und wird mit großen, rechenartigen Werkzeugen, „Las“ genannt, abgeschöpft. An der Oberfläche entsteht das begehrte „Fleur du Sel“, das man vor allem als Küchengewürz benutzt, beim Auskristallisieren am Boden der Saline – die fast ganz austrocknet – das grobere „Sel gris“, das man zwar auch noch für Speisen verwenden kann, das heute aber vor allem aber industriell bzw. für Kosmetik nutzt.

Beherrscht wird die Halbinsel am „Golf von Guérande“ von der gleichnamigen, hübschen ummauerten alten Stadt. In Guérande scheint die Zeit stehengeblieben. Schon im 9. Jahrhundert war der Ort zeitweilig Bischofssitz, aber größere Bedeutung bekam er erst als Festungsstadt im 14. Jahrhundert während des bretonischen Erbfolgekrieges. In dieser Zeit wurde der Ort befestigt und bis ins 15. Jahrhundert immer wieder verstärkt. Heute besitzt die Stadt noch ihren kompletten Mauerring, besetzt mit sechs Türmen und geöffnet durch vier Stadttore – bis heute die einzigen Zugänge zur Innenstadt. Zu Füßen der Festungsmauer findet alljährlich im August ein keltisches Festival statt, „Les Celtiques de Guérande“. Blickfang im Inneren der Stadt ist vor allem die Stiftskirche „Collégiale Saint-Aubin“, deren Gründung auf das 9. Jahrhundert, auf die Herrschaft des bretonischen Königs Salomon, und noch früher zurückweist. Ihre verzierte Westfassade und ihre Außenkanzel am Strebwerk sind eine Augenweide!

Geschrieben am 18. März 2015

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Salzgärten und Salz von Guérande. Fotos: Dr. Michael Krause.

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Stadtmauer von Guérande. Fotograf: Bernd Reichelt. Aufnahme: November 2005.
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Guerande_Stadtmauer.jpg

 

Der Kriminalroman zum Thema:
Jean-Luc Bannalec: Bretonisches Gold. Kommissar Dupins dritter Fall.
KiWi-Paperback 2014, 352 Seiten, ISBN: 978-3-462-04622-9.