Liebe Mitglieder und Freunde der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft,
chère amie et cher ami du franco-allemand,


an diesem Freitag feiert Frankreich seinen Nationalfeiertag, den 14. Juli (Quatorze Juillet), die Erinnerung an den Sturm auf die Bastille und damit an die Revolution von 1789, ein jährlicher Akt der rituellen Selbstvergewisserung Frankreichs vor sich und der Welt.

Bei ihrem traditionellem Empfang der Französischen Botschaft in Berlin am 14. Juli ist die diesjährige Gastregion übrigens die Bretagne. Ein Grund mehr, daran zu erinnern, dass die Region Bretagne und der Freistaat Sachsen 1995 vollmundig einen Partnerschaftsvertrag abgeschlossen hatten, an den sich zu erinnern die heute politisch verantwortlichen Mühe haben – die eine Seite schiebt den Grund des Desinteresse auf die jeweils andere. Nur wir, die 2004 gegründete Sächsisch-Bretonische Gesellschaft, halten noch dagegen – wie lange noch? – und denken, dass deutsch-französische Beziehungen nicht nur eine Angelegenheit der Hauptstadt-Eliten, sondern auch der Menschen in den Ländern bzw. Regionen sind und auch der Osten Deutschlands Teil der besonderen Nachbarschafts- und Freundschaftsbeziehung mit Frankreich ist.


Der Quatorze Juillet ist ein Grund mehr, daran zu erinnern, dass gerade die Bretagne mit der Französischen Revolution auf sehr widersprüchliche Weise verbunden ist. Schon 1718 forderte eine kläglich gescheiterte Revolte bretonischer Landadliger gegen die Krone eine Adelsrepublik Bretagne. Und der „Klub der Jakobiner“, Keimzelle der Revolution von 1789, war ursprünglich am 30. April 1789 als „Bretonischer Klub“ gegründet worden, der dann aber seine Aktivitäten im August 1789 einstellte, da keine Einigung über das Vetorecht des Königs zustande kam. Mit der Radikalisierung der Revolution wurde dann auch das alte Herzogtum Bretagne gleichgeschaltet und ging aller Freiheitsrechte, die ihm im Anschlussvertrag von 1532 zugestanden waren, verlustig. Die alte Provinz Bretagne, einst sogar ein Königreich, wurde in vier Départements aufgeteilt, von denen heute nur noch drei die Region Bretagne bilden; die vierte, das Département Loire-Atlantique mit der alten Herzogsresidenz Nantes wurde seit dem Zweiten Weltkrieg umstrittener Teil einer Reißbrettregion namens „Pays de la Loire“, wird aber in jedem Reiseführer immer noch als Teil der Bretagne aufgeführt. Mehr darüber erfahren Sie in unserem Themenblatt zur bretonischen Geschichte.

Ungeachtet der sehr widersprüchlichen Verwicklung der Bretagne mit der Dynamik der Revolution von 1789, die zu kennen auch eine Voraussetzung zum Verständnis der heutigen Bretagne ist, kann die Französische Republik sich heute auf ihre Bretagne verlassen, gerade was die Verankerung Frankreichs in der Europäischen Union angeht. Die Bretagne ist eben nicht das „Ende der Welt“, wie das französische Wort Finistère (finis terrae) zu suggerieren bereit ist, sondern, wie es im Bretonischen heißt, ein „Penn ar Bed“, Anfang, Spitze oder auch Haupt der Welt. Einige nennen es sogar „Kopf Europas“: https://www.pinterest.de/KECOSO/penn-ar-bed-début-du-monde-bretagne-tête-de-leurop/ Und wer die Französische Republik verstehen will, sollte sich das Leben der am 30. Juni im Alter von 89 verstorbenen Politikern, Intellektuellen und Holocaust-Überlebenden Simone Veil Revue passieren lassen. Staatspräsident Macron schrieb über sie auf Twitter: „Möge ihr Beispiel unsere Landsleute inspirieren, die in ihr das Beste Frankreichs finden werden.“ L’Express, No. 3444 5.-11.07.2017


Simone Annie Veil wurde am 13. Juli 1927 als Tochter des jüdischen Architekten André Jacob lothringischer Herkunft und seiner Frau Yvonne Steinmetz in Nizza geboren. Im März 1944 deportierten die Nazis Simone zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter aus Nizza. 13 Monate war die junge Simone in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Bergen-Belsen inhaftiert. Ihre Mutter starb in Auschwitz. Auch ihr Vater (“Ihren Patriotismus, den Glauben an die Französische Republik, hatte sie von ihrem Vater geerbt“, NZZ) und ihr Bruder wurden deportiert und überlebten dies nicht. Als Gesundheitsministerin in den 1970er Jahren kämpfte Simone Veil für das Recht auf Schwangerschaftsunterbrechung und wurde zu einer Ikone der Frauenbewegung in Frankreich. Von 1979 bis 1982 war sie die erste Präsidentin des Europaparlaments. Unermüdlich trat sie für die Versöhnung mit Deutschland ein. Für ihre Verdienste um den europäischen Einigungsprozess erhielt Simone Veil 1981 den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen. 2008 wurde sie in die Académie française gewählt. Bei ihrer Gedenkfeier wurden neben der republikanischen Nationalhymne „Marseillaise“ auch die Europahymne und die Melodie des Häftlingslieds „Die 3 Moorsoldaten“ gespielt. Frankreich würdigt diese große Frauengestalt Simone Veil mit einem Platz in der Ehrenhalle des Pariser Panthéon.

In dem Transport mit der Nummer 71, in dem die junge Simone von dem Sammellager Drancy nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde, war übrigens auch das Mädchen Marceline Rozenberg, Tochter von 1919 aus Polen nach Frankreich eingewanderter Juden. Sie wurde 1943 gemeinsam mit ihrem Vater Solomon Rozenberg in Südfrankreich verhaftet und am 13. April 1944 mit dem 71. Transport zusammen mit mindestens 1 500 anderen Personen ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie insgesamt 45 Angehörige verlieren sollte. Mit dem Anrücken der Roten Armee Anfang 1945 wurde sie zu einem Todesmarsch ins KZ Bergen-Belsen getrieben. Ihre Befreiung erlebte die Siebzehnjährige im Mai 1945 im Ghetto Theresienstadt. Marceline Rozenberg überlebte die Todesmaschine, ihr Vater nicht, seine Spur verlor sich im Rauch der Krematorien – sein Verschwinden hinterließ eine lebenslang zerbrochene Sehnsucht und schmerzende Erinnerung an ihren Vater, die auszusprechen sie erst mit 86 Jahren wagte – in einem Brief an ihn, den er niemals lesen wird – eine erschütternde Lebensbeichte, deren Lektüre ich soeben beendet habe. Erschütternd, nicht nur in der Erinnerung an das kaum Aussprechliche, das Marceline in den Vernichtungslagern erlebte, sondern auch in der Erinnerung an die Zeit danach, als sie in das befreite Frankreich zurückkehrte und dort zum ersten Mal ihren Lebenswillen verlor. „Und du bist nicht zurückgekommen“ lautet der deutsche Titel (jetzt auch als Suhrkamp
Taschenbuch, 2017) des französischen Originals „Et tu n’es pas revenu“, das 2015 bei Grasset erschien.  Quellen: Verlage Grasset und Suhrkamp

An der Seite ihres Drehbuchkollegen und dann zweiten Mannes, des berühmten Filmemachers Boris Ivens, wurde Marceline Loridan-Ivens, wie sie dann hieß, eine bekannte Schauspielerin, Drehbuchautoren und Regisseurin. Lesen Sie diese letzten Zeilen an Ihren Vater („Ich liebte dich so sehr, dass ich glücklich bin, mit dir deportiert worden zu sein“, S. 105), in denen sie auch eine berührende Anekdote über ihre Schicksalsgefährtin Simone Veil festhält – womit ich diesen Kreis über zwei große Frauen schließe, in denen die Republik Frankreich - um mit Präsident Macron zu sprechen – „das Beste Frankreichs“ finden kann. Wir auch. „Ich bin sechsundachtzig und doppelt so alt wie du, als du gestorben bist. Heute bin ich eine alte Dame. Ich habe keine Angst zu sterben, ich gerate nicht in Panik. Ich glaube weder an Gott noch an irgendetwas nach dem Tod. Ich bin eine der 160, die von den 2 500 Zurückgekommenen noch am Leben sind. Wir waren 76 500 Juden aus Frankreich, die nach
Auschwitz-Birkenau fuhren. Sechs Millionen Juden sind umgekommen: in den Lagern, in den Ghettos, am Rand der Massengräber erschossen, vergast, aus nächster Nähe getötet. Einmal im Monat esse ich mit überlebenden Freunden zu Abend, wir können zusammen lachen, auf unsere Art sogar über das Lager. Und ich finde auch Simone [Veil] wieder. Ich habe sie in den Cafés und Restaurants Teelöffel an sich nehmen und in ihre Handtasche stecken sehen, sie ist Ministerin gewesen, eine bedeutende Frau in Frankreich, eine große Gestalt, aber noch immer hamstert sie wertlose Teelöffel, um die schlechte Suppe von Birkenau nicht schlürfen zu müssen. Wenn sie wüssten, alle, wie sie da sind, dass das Lager ständig in uns ist. Wir alle haben es im Kopf bis in den Tod.“ (S. 106)

Liebe Mitglieder und Freunde der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft,
chère amie et cher ami du franco-allemand,

mit diesen Zeilen möchte ich auch daran erinnern, wie komplex die Gedanken an den 14. Juli als Gedenk-Tag der Französischen Republik sein können. Es waren viele, deren patriotischer Glaube an die Republik und an Frankreich vom Vichy-Regime verraten wurde, es waren aber auch sehr viele, die von ihren Landsleuten vor den Schergen Vichys und der Nazis gerettet wurden. Nicht zuletzt daran erinnerte die große Simone Veil in ihrer eindrucksvollen Hommage an die „Gerechten Frankreichs“, derer im Januar 2007 im Pantheon gedacht wurde: https://www.youtube.com/watch?v=U4d-z_Qu0sM „Wir können zusammen lachen“, schreibt Marceline Loridan-Ivens. Das können wir, die glücklichen Nachgeborenen und in einem erstmals friedlich vereinten Europa zusammen Lebenden, erst recht. Feiern wir zusammen mit Frankreich seinen 14. Juli – und vergessen dabei nicht Frankreichs wunderbare Regionen, deren sehr eigene Kulturen und Sprachen weit über 1789 hinausreichen und in der Einheit Frankreichs eine faszinierende Vielfalt abbilden. Wir von der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft denken da natürlich sofort an die Bretagne, ob mit ihren drei oder vier Départements. Und daher möchte ich diesen Juli-Brief schließen mit einem Poem-Chanson des großen bretonischen Barden Gilles Servat, mit seiner Liebeserklärung an die Île de Groix, die eine in Pirna lebende Bretonin mir soeben als Sommergruß zusandte. Danke Dominique S.!


Auf folgender YouTube-Adresse können Sie einen Photostream der Île de Groix mit der Musik von Gilles Servat anschauen, hören und genießen, selbst wenn Sie den französischen Text nicht verstehen: https://www.youtube.com/watch?v=jd8uzhyo-4k /. Am 16. Juni kam
übrigens das neue Album von Gilles Servat heraus: “70 ans… à l’Ouest !!!“

Hier nun das Poem-Chanson „Île de Groix“:
L'île de Groix
De quelle source lui vient son nom
Est-ce de fée ou de sorcière
Ou de quelque noir enfer
Comme la boue de ses sillons
On dit que l’on y voit sa joie
On dit que l’on y voit sa croix
Je parle de l’île de Groix
Malheur à celui qui débarque
Il n’aimera pas ses hivers
Il trouvera ses quais déserts
Car le flot, seul, mène les barques
Mais essayez de foutre le camp
Elle vous aura aux sentiments
Comme femme retient l’amant
L’hiver la tient emprisonnée
Pour mieux l’accoucher au printemps
Premier soleil sur les buissons
Il n’y aura plus de gelée
L’eau de ses ports est froide encore
Mais fleurissent les boutons d’or
Et le goéland a pris l’essor
Si à travers mes yeux mi-clos
Il me plaît à revoir juillet
Je sens l’odeur du goudron frais
Qu’on passe aux quilles des bateaux
L’amante des sournois ruisseaux
Lutte avec l’eau d'un des sureaux
De la vapeur tremble sur l’eau
Les vieux parlent du temps passé
A Loc-Maria et Port-Tudy
Si vous n’comprenez pas, tant pis
Moitié français, breton moitié
On dit que l’on y voit sa joie
On dit que l’on y voit sa croix
Je parle de l’île de Groix.

Ich wünsche Ihnen einen sommerreifenden Juli-Monat, auf Bretonisch „miz Gouere“!
Bien cordialement / Herzliche Grüße / Gwellañ soñjou!
Ihr
Ingo Kolboom, Präsident der Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V.